Sandra Maischberger: „Immer unter Beschuss“

Bild: WDR/Thomas Kierok

„t-online.de“: Sandra Maischberger kehrt am Dienstag aus der Sommerpause zurück. Die Moderatorin verrät im t-online-Interview, wie sie mit Anfeindungen umgeht und womit Robert Habeck bleibenden Eindruck hinterlassen hat.


Finanzkrise, Flüchtlingskrise, Corona, Ukrainekrieg – Sandra Maischberger bespricht seit 2003 in ihrer Talkshow im Ersten die wichtigsten Themen der Woche. Seit Mai 2022 ist sie zweimal pro Woche auf Sendung. „Nicht meine Entscheidung“, räumt sie freimütig ein. Auch ansonsten spricht die 56-Jährige im Gespräch mit t-online Klartext: über Anfeindungen, AfD-Gäste und Versäumnisse im öffentlich-rechtlichen Rundfunk.

t-online.de: Frau Maischberger, Sie mussten wegen einer Coronainfektion etwas früher als geplant in die Sommerpause. Wie geht es Ihnen?

Sandra Maischberger: Ich war nur drei Tage lang etwas heiser. Als dreifach Geimpfte bin ich da sehr gut durchgekommen. Ich hatte Glück und bin dankbar, dass es mir nicht schlechter gegangen ist.

Starten Sie dann nach der Sommerpause extra energiegeladen?

(lacht) Absolut. Das Themenspektrum ist nicht kleiner geworden, im Gegenteil. Es sind immer gemischte Gefühle: Ich genieße die freie Zeit und bin immer wieder froh, wenn ich arbeiten kann.

Selbst nach über zwei Jahren Dauerstress? Zieht Sie die Schwere der Krisen auch mal runter oder können Sie das auf professioneller Distanz halten?

Bei mir ist das ganz anders. Natürlich gab es in den letzten zwei Jahren eine erschwerte Situation: Viele Kollegen und Kolleginnen waren dann doch infiziert, wir hatten Absagen, Beschränkungen beim Reisen und Senden. Aber die Arbeit an sich: Mir persönlich geht es immer besser, wenn ich über schlechte Nachrichten reden kann.

Ist es komisch, dass Sie zu Hause dann wieder über dieselben Themen sprechen, wo Sie früher vielleicht eher abschalten konnten?

Ich komme aus einer Familie, in der man ohnehin viel über Politik geredet hat. Insofern ist das jetzt kein großer Unterschied. Wir lassen familiär ein paar Themen weg, aber vielen Bereichen kann man sich gar nicht entziehen. Aber ich schalte auch mal bewusst ab, sehe einen Film, gehe auf ein Konzert oder mache einfach einen Grillabend, um ein bisschen davon wegzukommen.

Es drängt sich der Eindruck auf, dass alle ein wenig dünnhäutiger werden und selbst banale Themen einen Sturm der Entrüstung auslösen.

Absolut. Ich bin gerade mit dem Fahrrad über eine Landstraße gefahren, war etwas mehr in der Mitte und mich hat ein Motorrad überholt. Das war ein Riesenaufriss, eine Hup-Kanonade und wilde Gesten. Ich denke dann: Leute, was ist los mit euch? Müsst ihr euch wirklich über alles aufregen? Dieses permanente Erregungspotenzial, das einem auch in den kleinsten Bereichen begegnet, macht mir genauso zu schaffen wie die veränderte Diskussionskultur. Aber dass wir uns alle so schnell aufregen, liegt natürlich daran, dass es so viel Grund gibt sich aufzuregen und dass man häufig wenig Einfluss auf viele Dinge hat. Das macht die Leute nervös.

Manche Menschen haben ja auch mehr Grund, nervös zu sein, als andere. In Talkshows sind allerdings überwiegend die Besser- oder Spitzenverdiener vertreten.

Meine Sendung hieß beim Start 2003 „Menschen bei Maischberger“. Wir haben von Anfang an darauf geachtet, dass bei uns auch ganz normale Menschen zu Wort kommen. In einer unserer letzten Sendungen hat zum Beispiel eine Rentnerin erzählt, wie es ist, wenn bei ihrem schmalen Budget die Preise im Supermarkt so stark nach oben gehen.

Sie feiern nächstes Jahr 20. Jubiläum. Wäre das nicht ein guter Anlass gewesen, zweimal pro Woche zu senden, warum haben Sie damit schon im Mai angefangen?

Das dürfen Sie nicht mich fragen. Ich habe die Entscheidung nicht gefällt. Wir wurden gefragt und haben natürlich gesagt, wir machen das sehr gerne. Denn gerade gibt es so viele Themen zu besprechen, dass man sie mit einmal 75 Minuten pro Woche gar nicht unterbringen kann. Aber letztlich bin ich nicht diejenige, die bestimmt, wie oft ich auf Sendung gehe. Das ist eine Programmentscheidung und die treffe ich nicht.

Sind die Sendetage dienstags und mittwochs nicht ein kleiner Angriff auf „Markus Lanz“, der an diesen Tagen läuft?

Auch das weiß ich nicht. Ich hab nicht danach gefragt, warum wir es tun. Ich hab es einfach gerne gemacht.

Braucht das öffentlich-rechtliche Fernsehen wirklich fast jeden Tag eine politische Talkshow?

Bei uns wird das Angebot auch ein bisschen durch die Nachfrage reguliert. Das mag zwar keiner hören. Aber natürlich sind die Quoten, der Zuschauererfolg, ein Maßstab dafür, ob das Angebot angenommen wird. Im Moment haben wir viele Zuschauer, mehr als in anderen Zeiten. Eigentlich hat das schon angefangen bei der Finanzkrise. Anschließend haben wir uns mit den Flüchtlingen beschäftigt, dann kam Corona, jetzt der Ukrainekrieg. Ich finde es wichtig, dass man abends noch mal einen Platz hat, an dem man gemeinsam „verdauen“ kann, was gerade passiert. Wenn die Menschen die Nase voll hätten, würden wir es als erste merken und darauf reagieren.

Gerade die Pandemie und der Krieg haben gezeigt, dass Experten auch falsch liegen können. Welchen Erkenntnisgewinn bieten hier Talkshows?

Ich glaube, man muss das unterscheiden. Diese Experten und Wissenschaftler, die wir einladen, haben auf ihrem Fachgebiet immer eine gute Expertise. Aber auch für sie wird es ganz schwierig, wenn sie Prognosen treffen sollen. Das war sowohl bei Corona als auch bei dem Ukrainekrieg der Fall. Gerade beim Krieg haben viele Fachleute die Anzeichen gesehen, aber haben den Krieg nicht für möglich gehalten oder wollten es vielleicht nicht wahrhaben. Aber es gibt natürlich viele Themen, wo man sich die Meinung und den Rat von Experten anhören sollte. Wir fragen außerdem nicht nur einen Experten, sondern setzen mehrere Sichtweisen zusammen, damit sich der Zuschauer selbst ein Bild machen kann.

Allerdings ist es auch heute noch kein Normalzustand, dass beispielsweise Politiker der AfD in Talkshows sitzen. Wie gehen Sie mit Meinungen um, die stark von Ihrer abweichen?

Meine Meinung spielt da überhaupt keine Rolle. Wichtig ist für uns, dass wir ein möglichst breites Meinungsspektrum abbilden. Es gibt Grenzen – da, wo es kriminell wird, verfassungsfeindlich, rassistisch wird oder gegen Menschenrechte geht. Dann ist das keine Meinung mehr, sondern im Zweifel Hetze. Das herauszufiltern, ist nicht immer einfach. Es gibt bei der AfD Stimmen, mit denen man reden kann. Andere, von denen ich glaube, man kann mit ihnen nicht reden. Aber grundsätzlich ist unser Auftrag erst einmal, das gesamte Spektrum abzubilden. Wir streiten auch viel untereinander in der Redaktion. Wir machen uns wirklich einen Kopf darüber, was wir tun und überprüfen die Fakten intensiv.

Alle großen politischen Talkshows sind mittlerweile seit mindestens 15 Jahren auf Sendung. Ist dies für Sie Ausdruck von Kontinuität oder ein Zeichen, dass es vielleicht an Chancen für den Nachwuchs hapert?

Ich kann nur von mir reden: Wir haben unser jetziges Format vor zwei Jahren komplett neu aufgestellt. Wir haben alles verändert, bis auf meine Person. Das war ein echter Neuanfang. Außerdem können wir ab Januar im Ersten einen neuen Kollegen begrüßen: Louis Klamroth, auf den ich mich sehr freue (Anmerkung der Redaktion: Er wird Nachfolger von Frank Plasberg bei „Hart aber fair“). Es bewegt sich also ab und zu schon etwas. Sie überschätzen erneut unsere programmliche Gestaltungsmacht. Wir sind die Spieler, die auf den Platz gestellt werden. Die Trainer entscheiden, welche Spieler eingesetzt werden.

Angesichts der RBB-Affäre: Braucht der öffentlich-rechtliche Rundfunk eine Reform?

Jedes System, das sich nicht immer wieder erneuert und sich selber hinterfragt, wird Fehler machen, ganz unabhängig von der „RBB-Affäre“. Man muss immer schauen, wo man Strukturen verändern muss. Das Öffentlich-Rechtliche ist meiner Ansicht nach aber wichtiger denn je. Denn wir leben gerade in Zeiten, in denen unabhängige und ordentlich recherchierte Informationen wirklich wesentlich sind. Wir werden in der ersten Sendung nach der Sommerpause unter anderem mit Hajo Seppelt einen Journalisten einladen, der den Missbrauchsskandal im Schwimmsport mittels monatelanger Recherche aufgedeckt hat und Jan Hempel, der ehemalige Spitzenwasserspringer, der berichtet, was ihm damals passiert ist.

Nachdem Herr Hempel an die Öffentlichkeit gegangen ist, haben sich ja noch mehr Betroffene zu Wort gemeldet.

Diese Dinge sind beispielhaft für das, was wir leisten können und damit auch politisch etwas in Bewegung setzen. Das ist der Auftrag, den wir haben. Alle Menschen, die mit Beitragszahlungen umgehen, tragen eine große Verantwortung. Diese Beiträge ermöglichen es uns, unsere Arbeit zu machen – und zwar so gut, wie es nur wenig andere können. Darauf müssen wir uns konzentrieren. Berechtigte Kritik muss man beherzigen. Unberechtigte Kritik kann man ignorieren. Als Talkshow-Moderatorin ist man außerdem immer unter Beschuss. Das ist nichts, was mir fremd wäre.

Haben Sie zuletzt selbst Anfeindungen oder gar Bedrohungen erlebt?

Nein, überhaupt nicht. Ich war kürzlich in Dresden auf einem Roland-Kaiser-Konzert und stand mit 12.000 Menschen im Publikum. Ich wurde natürlich erkannt, habe aber eigentlich nur gute Gespräche geführt.

Überrascht Sie das selbst ein wenig?

Es war schon mal anders. Während der Anfangsmonate der Coronapandemie hab ich schon sehr extreme Reaktionen auf der Straße erlebt. Ich rechne generell immer mit allem. Es ist natürlich nicht angenehm, wenn mir dann auch wirklich jemand lautstark seinen Unmut ins Gesicht sagt. Dafür bin ich aber eine öffentliche Person, dann soll das eben so sein. Aber ich bin Gott sei Dank nicht in der Kategorie von Menschen, die mit richtigen Bedrohungen zu kämpfen haben. Da tun mir zum Beispiel die Bürgermeister leid, die das häufig an vorderster Front ausbaden müssen.

Manch eine Ihrer Kolleginnen kann so was aber schon angehen.

Als öffentliche Figuren sind wir sichtbar. Darauf lässt man sich ein, wenn man diese Art Beruf wählt. Man wird und will ja auch gesehen werden. Der andere Teil ist aber, dass ganz viele Menschen auf einen zukommen und sagen: Ich finde ihre Sendung ganz toll.

Haben Sie den Anspruch, jüngere Menschen mit Ihrer Sendung anzusprechen?

Oh ja. Klar sind sie im linearen Fernsehen nicht unbedingt meine Kerngruppe. Aber es gibt viele junge Leute, die sich für Politik interessieren und sich die Sendung ansehen. Ich habe einen 15-Jährigen. Auf seiner Schule wird viel politisch diskutiert. Ich finde es aber ganz okay, wenn junge Menschen eigene Formate haben, über die sie sich informieren, etwa im Podcastbereich.

Wer war in diesem Jahr Ihr Lieblingsgast?

Das kann und möchte ich nicht sagen. Aber ein Moment, der mir sicher sehr lange in Erinnerung bleiben wird, war der mit Robert Habeck am Vorabend des Krieges. Er kam ins Studio und war merklich ganz woanders. Ich weiß inzwischen, dass er damals Informationen darüber hatte, was in dieser Nacht passieren würde. Das hat man gespürt, auch wenn er direkt nichts sagte. Ich konnte irgendwann mit meinen vorbereiteten Fragen nicht weitermachen, weil dieser Mann etwas in sich trug. Der wirkte wie beschwert.

Sie meinten zu ihm „Sie wirken wirklich angefasst“.

Genau. Da merkte man: Da passiert etwas. Aber wir wussten es noch nicht. Das ist ein Moment, der wird mir in Erinnerung bleiben.

Ist gerade mit Habeck ein Politikertypus in die Regierung eingezogen, der Interviews interessanter macht, weil er vielleicht nicht so sehr Standardantworten abspult?

Ich habe ganz viele Politiker und Politikerinnen vor mir sitzen, die nicht abspulen. Robert Habeck hat eine ganz eigene Art zu kommunizieren. Die kommt im Moment sehr gut an. Rhetorik ist sehr wichtig in der Politik – noch wichtiger aber ist das, was jemand macht und bewirkt. Ich schaue mir das Redetalent also eher von der Seitenlinie an und freue mich immer, wenn jemand auf eine gestellte Frage tatsächlich antwortet.

Ist aber wirklich ein großer Erkenntnisgewinn zu erwarten, wenn man den Generalsekretär einer Partei einlädt?

Kommt drauf an, welchen Generalsekretär Sie einladen. Bei Heiner Geißler von der CDU konnte man sicher sein, dass bei jedem Besuch „Erkenntnisgewinn“ bei rumkommt. Aber genauso groß war die Gefahr, dass nur Attacke gegen den politischen Gegner gefahren wurde. Ich bin sehr vorsichtig mit der Generalisierung: DIE Politiker, DIE Medien. Ich versuche immer, Schubladen zu umschiffen. Alles andere würde mir den Blick auf die einzelne Person verbauen. Ich frage mich jedes Mal: Wer steht da vor mir, was hat der oder die für eine Geschichte? Das ist ja heute auch eine Manie, immer alles sofort beurteilen zu müssen.

Gibt es Pläne, „Maischberger vor Ort“ zu revitalisieren? Das wurde ja durch die Pandemie ausgebremst.

Ich habe da in den letzten Tagen tatsächlich dran gedacht, nachdem ich mit dem Neun-Euro-Ticket fröhlich durch die Lande gefahren bin. Einerseits denke ich, wir sollten immer wieder mal vor Ort sein und uns anhören, was die Menschen dort zu sagen haben. Leider musste ich aber feststellen, dass sich nicht jeder dann aber dafür interessiert, was in Bochum oder Cottbus passiert. Und wir haben nicht nur die Pflicht zuzuhören, sondern auch jene Dinge zu behandeln, die die Menschen im ganzen Land interessieren. Daran arbeiten wir noch.

Mit welchem Gefühl blicken Sie auf die nächsten ein, zwei Jahre? Hoffen Sie, dass sich die Dinge normalisieren und Sie auch mal wieder eine Woche haben, in der sich das beherrschende Thema nicht aufdrängt?

Wir haben über Prognosen gesprochen – ich würde mich nicht mehr trauen, irgendwelche Vorhersagen abzugeben. Man hat gerade das Gefühl, es wird alles noch schlimmer. In manchen Bereichen wird das sicherlich so sein. Ich habe als persönliches Motto „think the worst, expect the best“, sei auf das Schlimmste vorbereitet, aber erwarte das Beste. Sonst wird man ja völlig verrückt.

(Eine gekürzte Fassung dieses Interviews ist am 30. August 2022 bei t-online.de erschienen.)