Die Banalität der Macht: Donald Rumsfeld und wie er die Welt sieht

The Unknown Known

Zehntausende Memos hat Donald Rumsfeld während seiner Politikkarriere verfasst. Am Ende der Doku „The Unknown Known“ hat man das Gefühl, jedes einzelne zu kennen. Eine der Botschaften lautet: „Guantanamo ist eines der bestgeführten Gefängnisse der Welt“.


Der Vergleich von Donald Rumsfeld mit Adolf Hitler ist selbstredend nicht angebracht. Aus cineastischer Sicht wäre es aber ein faszinierendes Projekt, Rumsfelds ehemalige Assistentinnen wie einst Hitlers Sekretärin Traudl Junge vor die Kamera zu bekommen. Jene Frauen, die jahrzehntelang, Tag für Tag, Zehntausende der von Rumsfeld auf Tonband aufgenommenen Memoranden zu Papier bringen mussten, von nervtötenden Nichtigkeiten bis zur schriftlichen Ohrfeige für Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice.

Errol Morris war früher mal Privatdetektiv. Ein interessanter biografischer Aspekt, denn als Dokumentarfilmer ist er berühmt dafür, Leute zum Reden zu bringen. Morris ist ein derart guter und scheinbar passiver Zuhörer, dass sein Gegenüber schließlich Dinge offenbart, die lieber unausgesprochen geblieben wären. Dieses Talent führte dazu, dass ein unschuldig zum Tode verurteilter Mann dank seines Film „The Thin Blue Line“ freigelassen wurde. Und im Oscar-prämierten „The Fog of War“ entlockte Morris dem einstigen US-Verteidigungsminister Robert S. McNamara ungeahnte Erkenntnisse zum Krieg in Vietnam, als dessen Architekt der Politiker gilt.

Entsprechend aufregend war die Nachricht, dass Donald Rumsfeld sich zu einem Dokumentarfilm mit Morris bereit erklärt hat. Gleich nach George W. Bush schien dessen Verteidigungsminister der beste Gesprächspartner, um dem sogenannten Krieg gegen den Terror der USA nach den Anschlägen vom 11. September 2001 auf den Grund zu gehen, zu fragen, welche Lehren aus diesem längsten Krieg in der US-Geschichte zu ziehen sind, der schon lange nicht mehr nur im Irak oder in Afghanistan ausgefochten wird.

„Was weiß ich denn schon?“

The Unknown Known1

30 Stunden haben Morris und Rumsfeld gesprochen. Herausgekommen ist ein scheinbar endloser Wortschwall eines in seinen Überzeugungen felsenfest verankerten Erzkonservativen. Dabei überrascht und erschreckt der so wortgewandte Rumsfeld wiederholt mit intellektueller Seichtigkeit. Auf die Frage, welche Lehren er als Richard Nixons Stabschef aus dem Vietnamkrieg gezogen habe, entgegnet Rumsfeld: „Einige Dinge funktionieren, einige Dinge nicht.“ Gefragt, ob es rückblickend nicht besser gewesen wäre, auf die Invasion des Iraks zu verzichten, entgegnet der Politiker: „Nun, das wird sich wohl mit der Zeit rausstellen.“

Der Kardinalfehler des Regisseurs schien anfangs vermutlich eine gute Idee zu sein. Morris lässt Rumsfeld ständig aus dessen eigenen Memos vorlesen, um die Positionen von einst zu rekapitulieren. Als Ergebnis kaut Rumsfeld aber bloß eins zu eins seine Ansichten von vor vielen Jahren wieder, anstatt nur auf Basis seiner Erinnerungen wenigstens die Chance auf einen Funken Reflektion und veränderter Perspektive zuzulassen.

Die Erkenntnisse halten sich in Grenzen, sind aber erhellend. Über den Einmarsch in den Irak wurde der damalige Verteidigungsminister erst während eines Treffens von Vizepräsident Dick Cheney mit dem saudi-arabischen Botschafter informiert. Ein Vorgehen, das Rumsfeld als völlig normal zu verkaufen versucht. War die Reaktion auf die „Folter-Memos“ fair?, fragt Morris mit Verweis auf die Richtlinien des  US-Justizministeriums, unter denen die Anwendung von Folter wie etwa Waterboarding legal sein soll. „Ich habe die nie gelesen“, gibt Rumsfeld nach einer ungewöhnlich langen Pause zu. Und fügt schulterzuckend hinzu: „Ich bin kein Jurist, was weiß ich denn schon.“

Best-of-Pentagon-PK

unknownWenn es um Kritik an Guantanamo geht, traut sich Rumsfeld hingegen eine Meinung zu. Noch nie sei ein Ort derart falsch dargestellt worden. Das Gefängnis sei eins der bestgeführten weltweit – trotzdem sei behauptet worden, dass dort Menschen misshandelt wurden: Dass diese Aussagen kein Gegensatz sind, kommt dem Politiker offenbar nie in den Sinn. Laut Rumsfeld wurde kein einziger Gefangener in Guantanamo oder sonst wo vom Militär Waterboarding unterzogen. Die CIA habe seines Wissens nach nur drei Menschen dieser „Verhörmethode“ ausgesetzt.

Morris ist bei „The Unknown Known“ leider in die eigene Falle getappt: Im Gegensatz zu Robert McNamara ist Rumsfeld ganz offensichtlich zu keinerlei Selbstzweifel fähig. Vermutlich wollte der Regisseur erreichen, dass sich sein Gesprächspartner wenigstens allmählich selbst entlarvt. Rumsfeld ist aber kein schwierig zu knackender Typ, der nur allmählich sein wahres Gesicht offenbart. Nach spätestens 15 Minuten ist dem Zuschauer klar, wie er zu dem dauergrinsenden Politiker steht. Um die restlichen 85 Minuten nicht zu verschwenden, hätte Morris seine Strategie grundlegend ändern müssen. Ansonsten hätte es ein zweistündiges Best-of von Rumsfelds Pentagon-Pressekonferenzen auch getan.

Falscher Fokus

Nun ist der Regisseur bekanntermaßen kein Michael Moore. Er will nicht mit aller Macht die Wahrheit ans Licht zerren und dreiste Lügner der öffentlichen Lächerlichkeit preisgeben. Dass Morris aber durchaus Ungerechtigkeiten anprangern will, zeigt sich im unverhältnismäßig langen Segment zur Folter im Gefängnis Abu Ghraib. Mit „Standard Operating Procedure“ hatte Morris diesem dunklen Kapitel in der Geschichte des Irakkriegs einen ganzen Film gewidmet, hier kennt er sich aus, hier vertritt er eine Haltung.

So schlimm aber Abu Ghraib auch war: Dass hier Unrecht geschehen ist, ist unbestritten, selbst Rumsfeld gibt das unumwunden zu. Relevanter, angemessener – aber eben auch schwieriger – wäre ein Fokus auf andauernde Streitpunkte wie Guantanamo oder der immer weiter gefasstere Begriff vom Antiterrorkrieg gewesen. Am Ende von „The Unknown Known“ bleibt das ungute Gefühl, dass hier ein intellektueller, aber unflexibler Filmemacher vor einem in seinen Überzeugen unerschütterlichen Gesprächspartner kapituliert hat.

Morris hat seine Dokumentation dem 2013 gestorbenen Filmkritiker Roger Ebert gewidmet, der seine Karriere von Beginn an unterstützt hat. Vor zehn Jahren hatte Ebert in seiner Kritik zu „The Fog of War“ die Hoffnung geäußert, der damalige Verteidigungsminister Rumsfeld möge sich die selbstkritischen Erkenntnisse seines Amtsvorgängers zu Herzen nehmen. Dieser fromme Wunsch, das zumindest wird in „The Unknown Known“ deutlich, wird nie in Erfüllung gehen.

„The Unknown Known“ läuft am 3. Juli in den deutschen Kinos an.

 

Filmkritik bei n-tv.de

Bilder: NFP

Advertisements