„Gone Girl“: Ein Film wie ein Eispickel

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Der Roman hat die Leserschaft in Pro und Kontra gespalten. Das wird sich mit der Verfilmung von „Gone Girl – Das perfekte Opfer“ kaum ändern. Denn Regisseur David Fincher hält sich genau an seine Vorlage.


Allzu viel lässt sich über die Handlung von „Gone Girl“ an dieser Stelle nicht sagen. Dabei mangelt es nicht an dramatischen Ereignissen. Gerade das ist aber das Problem. Während andere Thriller ihren grandiosen Twist am Ende platzieren, geschieht der alles verändernde Handlungsschwenk im Erfolgsroman von Gillian Flynn genau in der Mitte.

Wenigstens das darf über den filmgewordenen Spoiler Alert verraten werden: Amy Dunne (Rosamund Pike) ist spurlos verschwunden und das ganze Land rätselt: Ist America’s Sweetheart noch am Leben? Nicht nur die Polizei hat rasch den Ehemann der liebreizenden Blondine in Verdacht. Schließlich hat der arbeitslose Journalist Nick (Ben Affleck) vom Vermögen seiner Frau gelebt und hätte im Falle ihres Tods dank der Lebensversicherung ausgesorgt.

Und hat nicht Amy selbst in den Monaten vor ihrem Verschwinden befürchtet, ihr einst so liebevoller Mann würde ihr nach dem Leben trachten? Von Tag zu Tag verdichten sich die Beweise gegen Nick, die Schlinge der öffentlichen Meinung zieht sich unaufhaltsam zu. Doch Stopp: Es ist gerade einmal Halbzeit und die wahre Geschichte fängt jetzt erst an.

Umstrittener Erfolg

Gillian Flynns Thriller gehörte 2012 zu den größten literarischen Erfolgen des Jahres. Über zwei Millionen Mal verkaufte sich der Bestseller. Allerdings hat er die Leserschaft in glühende Anhänger und ebenso leidenschaftliche Kritiker gespalten. Fans rühmen den bitterbösen Tonfall, die brillanten Twists und die messerscharfe Analyse einer komplizierten Ehe. Enttäuschte Leser regen sich hingegen über abstoßende Hauptfiguren und eine hanebüchene Handlung auf.

Bei vielen Verfilmungen von Bestsellern stehen die Macher vor dem Problem, den Fans der Vorlage den Gang ins Kino schmackhaft zu machen. Warum sollte man Geld für einen Thriller ausgeben, dessen Ausgang man schon kennt? Wohl auch aus diesem Grund hatten die „Gone Girl“-Verantwortlichen anfangs mit Andeutungen kokettiert, das selbst unter Fans umstrittene Ende des Romans könnte in der Kinoversion geändert werden.

Das ist nicht geschehen. David Fincher hat den Roman nach dem Drehbuch von Gillian Flynn vielmehr extrem werkgetreu verfilmt. Es ist erstaunlich, wie stark der Regisseur der Vorlage folgt. Sogar seine erste und letzte Einstellung entsprechen Anfang und Ende des Romans. Auch dazwischen hält sich Fincher an die Dramaturgie des Buchs mit den sich abwechselnden Erzählperspektiven. Leser des Romans erwarten inhaltlich also keine Überraschungen – es sei denn, das eine oder andere grausige Detail wurde seit der Lektüre vergessen.

Unerwartet kaltblütig

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Die richtige Schauspielerin für die Rolle der Amy zu finden, war essenziell für das Gelingen des gesamten Projekts. Als die Wahl auf Rosamund Pike fiel, gab es durchaus Zweifler. Die Engländerin genießt zwar viel Anerkennung, hat sich bislang aber vor allem mit Rollen als liebreizender Unschuld einen Namen gemacht. Manch einer mag auch Reese Witherspoon nachgeweint haben. Die Produzentin war anfangs als Hauptdarstellerin im Gespräch gewesen. Aber schon in der ersten Minute, wenn sich Pikes Gesicht in leinwandfüllender Nahaufnahme zur Kamera dreht und sie mit grandioser Kaltblütigkeit in den Zuschauerraum starrt, wird klar: Mit dieser Besetzung ist Fincher der nötige Geniestreich gelungen.

Ben Affleck darf hingegen sein Image als Sympathieträger bei der Darstellung von Nick aufrecht erhalten. Hier liegt die größte Änderung im Vergleich zum Buch: Nick mag zwar immer noch kein Held sein, erweckt aber sehr viel mehr Wohlwollen als sein Ich-Erzähler im Roman. Zweieinhalb Filmstunden ohne eine Identifikationsfigur wollte Fincher dem Zuschauer dann wohl doch nicht zumuten.

Meister der Gemeinheit

Wie sich die Zeiten doch ändern: Zu Beginn seiner Hollywoodkarriere hatte sich der Regisseur einen Namen damit gemacht, sein Publikum zu quälen. Nicht nur war Fincher ein Meister darin, dem Zuschauer am Ende mit einer gigantischen Offenbarung den Boden unter den Füßen wegzuziehen. Ob „The Game“ oder „Fight Club“: Der Strippenzieher hinter der Kamera besaß zudem die Unverfrorenheit, den Twist bereits am Anfang offenzulegen – nur versteht der Zuschauer eben erst im Rückblick, wie sehr er an der Nase herumgeführt wurde.

Insofern ist es eine Ironie der Filmgeschichte, dass einer der meistgehypten Twists in der jüngeren Thriller-Geschichte einem Großteil von Finchers Publikum schon beim Gang in den Kinosaal bekannt ist. Fincher hat das in Kauf genommen, denn „Gone Girl“ ist geradezu wie für ihn gemacht. Über die alles zuvor gesehene auf den Kopf stellende Wendung hinaus führt ihn dieses Projekt nach „The Social Network“ und „Verblendung“ auch thematisch in seine Anfangszeit zurück. Mal wieder inszeniert er einen männlichen Anti-Helden, der auch aufgrund eigener Verfehlungen zum Spielball eines scheinbar allmächtigen Kontrahenten wird und in ein Katz-Maus-Spiel auf Leben und Tod gerät.

Aber Fincher steht nicht mehr am Anfang seiner Karriere und Amy ist kein Tyler Durden. Der ohnehin frostige Stil des Regisseurs trifft hier auf einen inhaltlichen Abgrund eisiger Entschlossenheit, dass es einem ganz kalt ums Herz wird.

„Gone Girl – Das perfekte Opfer“ läuft am 2. Oktober in den deutschen Kinos an.

Kritik bei n-tv.de

(Bilder: Fox)

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