„Im Keller“ mit Nazis und Sexsklaven

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Regisseur Ulrich Seidl begibt sich nach seiner „Paradies“-Trilogie in den Untergrund kleinbürgerlicher Existenzen. „Im Keller“ ist ein verheißungsvolles Thema. Der Österreicher macht daraus eine Dokumentation über Sadomaso und Nazis.


Keller sind eigenartige Räume. Auf viele Menschen wirken sie furchteinflößend. Dank ihrer Abgeschiedenheit vom Rest des Hauses und damit der Öffentlichkeit sind diese unterirdischen Stockwerke aber nicht selten auch Orte, an denen verborgene Gelüste oder subversive Gedanken ausgelebt werden können. Eine Dokumentation über das, was Menschen in diesem Räumen treiben, klingt verlockend. Was der preisgekrönte Regisseur Ulrich Seidl aber daraus gemacht hat, ist ernüchternd eindimensional: Seine Keller werden bevölkert von besoffenen Nazis, Waffennarren und immer wieder Sadomasochisten, denen man so genau vermutlich nicht beim Treiben zuschauen wollte.

Seidls Kellerbewohner sind bis auf nur wenige Augenblicke eingeblendete Alibi-Jugendliche allesamt fortgeschrittenen Alters und meist untersetzt. Am harmlosesten von allen ist noch der ariensingende Betreiber einer unterirdischen Schießanlage. Der Möchtegern-Revolverheld setzt zwar den islamfeindlichen Äußerungen seiner Kunden etwas entgegen und inszeniert sich als verkappter Opernstar, besticht dafür aber umso mehr durch frauenfeindliche Altherrenwitze.

Gemütlichkeit mit Adolf Hitler

Seidl haben es aber vor allem zwei Schauplätze besonders angetan, zu denen er wiederholt zurückkehrt. Da wäre der Nazi. Der ältere Herr hat in seinem Keller ein Hitler-Gedenkzimmer eingerichtet: Schaufensterpuppen in NS-Uniformen, Waffen in Schaukästen und über allem thront ein Ölschinken mit dem gescheiterten Diktator.

Das Konterfei Adolf Hitlers hat der Hausherr von Kollegen zur Trauung bekommen, es war sein schönstes Hochzeitgeschenk. In diesem „gemütlichsten“ Raum im ganzen Haus trifft sich der Blechbläser und bekennende Säufer regelmäßig mit gleichgesinnten Nachbarn und kippt sich einen Schnaps nach dem nächsten hinter die Binde, bis er abends kaum noch gerade stehen kann.

Seidls Lieblingsexponat Nummer zwei ist das blasse Sadomaso-Paar. Die Dame lässt ihren „Ehesklaven“ nackt das Haus wischen, die Duschwand wird brav mit der Zunge gereinigt – ebenso wie die intimen Stellen der Herrin nach dem Klogang.

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Gewichte an Hoden, Hoden an Seilwinden – Seidl ist derart angetörnt von dem S&M-Thema, dass er noch zwei ähnlich gelagerte Erzählstränge mit einbezieht. Da ist der Bartträger im Sexkeller mit dem starken Samenstrahl und der Prostituierten im Käfig. Und die von Ex-Freunden misshandelte Caritas-Angestellte, die sich mit jedem erlittenen Peitschenhieb ein wenig mehr entspannen kann. Das alles sei hier als Warnung erwähnt: „Im Keller“ ist im Grunde eine Doku über kleinbürgerlichen Sadomasochismus, Welten entfernt von „Fifty Shades of Grey“.

Die Babys im Kellerregal

Nahezu unerträglich wird es aber erst mit der älteren Frau im Morgenmantel, die regelmäßig in den Keller ihres Mehrfamilienhauses hinabsteigt und die Tür hinter sich abschließt. In dem Abstellraum zieht sie Kartons aus dem Regal, nimmt täuschend echt aussehende Babypuppen heraus und beginnt, mit ihnen zu sprechen. „Du schläfst heute aber fest“, „Du, munter werden, Mami ist da“ – zärtlich redet die Frau mit ihren Puppen, als wären sie echte Babys, wiegt sie im Arm, singt ihnen ein Gutenachtlied vor, legt sie wieder in den Karton und schiebt ihn zurück ins vollgemüllte Regal.

Wer diese Menschen außerhalb ihres Kellers sind, erfährt der Zuschauer bis auf eine Ausnahme nicht. Bei den meisten fragt man sich, warum um alles in der Welt sie sich derart vorführen lassen. Seidl ist hier weit entfernt von dem erzählerischen Können seiner „Hundstage“. Er spult ein Kuriositätenkabinett aus grenzgängerischen Extremen und visuellen Absurditäten ab, das rasch an Unterhaltungswert verliert.

Es ist vielsagend, dass es die jungen Protagonisten nicht wirklich in den Film geschafft haben und nur kurz und kommentarlos eingeblendet werden. Dies verstärkt den Eindruck, Seidl könnte selbst nicht ganz gewusst haben, was die Dokumentation bezwecken soll. Womöglich offenbart sie ja am Ende sehr viel mehr über ihren Macher als über die Menschen vor der Kamera. Die Szenen mit der Frau und den Babypuppen im Keller sind übrigens freie Erfindungen des Regisseurs.

„Im Keller“ läuft ab 4. Dezember in deutschen Kinos.

Quelle: n-tv.de

(Bilder: Neue Visionen Filmverleih)

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