Von Tonfilm bis Virtual Reality: Wie die Technik das Kino verändert – und unser Sehen

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Im Kino gehen Kunst und Technik eine Symbiose ein. Von Ton und Farbe bis 3-D haben technische Neuerungen das Kinoerlebnis immer realistischer werden lassen. Aber wie viel Illusion wollen wir wirklich?


Ein Projektor wirft Licht auf eine weisse Leinwand, die Zuschauer im dunklen Saal tauchen in fremde Leben und neue Welten ein. An dieser Grundprämisse des Films hat sich seit seinen Anfangstagen nichts geändert. Dennoch ist Film wie keine andere der schönen Künste mit dem technischen Fortschritt verknüpft. Dieser verändert stetig, wie und auch was wir sehen. Die Digitalisierung hat den Prozess des Filmemachens bereits revolutioniert und macht sich daran, die Leinwand durch einen Bildschirm vor den Augen zu ersetzen. Aber brauchen wir die «perfekte» Illusion?

Alltagsfluchten

Von schwarz-weissen Stummfilmen über Dramen mit Ton und in Farbe bis zu 3-D: Filmemacher waren seit je bestrebt, die Grenzen zwischen dem Geschehen auf der Leinwand und unserer Realität zu verwischen. Kino als möglichst perfekte Illusion bedeutete aber nicht nur die exakte Abbildung der Umwelt, sondern je nach Wunsch eine objektive oder subjektive Führung der Kamera, aus deren Perspektive der Zuschauer erst die Welt des Films betritt.

Bereits die Kinopioniere Auguste und Louis Lumière setzten Ende des 19. Jahrhunderts einen Vorgänger des Dolly ein. Diese Methode, Kameras auf Rollen über Schienen bewegen zu lassen, erlaubt ruckelfreie Kamerafahrten, die als weniger «künstlich» wahrgenommen werden. Im Gegenzug verlieh die am Körper getragene Steadicam Kameramännern und Regisseuren eine ganz neue Bewegungsfreiheit und erlaubte es ihnen, Protagonisten auf den Fersen zu bleiben. Einer der ersten Einsätze erfolgte in «Rocky» (1976), zwei Jahre später erhielt Kameramann Garrett Brown («The Shining») für seine Erfindung bei der Oscar-Verleihung einen Academy Award of Merit.

Auf der Suche nach der immer realistischeren Illusion spielte der Ton eine entscheidende Rolle. Früher konnte es durchaus vorkommen, dass ein Zuschauer am Rande des Kinosaals die Dialoge nur auf einem Ohr hörte. Surround-Sound – etwa von der Firma Dolby – verbesserte das Audio-Raumgefühl und zog so das menschliche Gehirn noch stärker in die Welt des Films hinein.

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Seit geraumer Zeit scheint es in Hollywood vor allem ein Motto zu geben: bombastischer, rasanter, realitätsnäher. Inhaltlich arbeiten sich viele Studios mit Vorliebe an bekannten Superhelden-«Universen» ab, während die Technik zur wahren Errungenschaft wird. Im Rüstungsrennen scheint es kaum ein Halten zu geben. Nach anfänglichem Zögern hat sich 3-D längst als reguläre Darstellungsform in den Kinos etabliert. Eine ganz neue Qualität verspricht Virtual Reality (VR). Diese einst in einem obskuren Cyberspace verortete Wahrnehmungsebene steht auch im Filmbereich unmittelbar vor dem Durchbruch.

Die Studios Disney und Lucasfilm planen exklusive «Star Wars»-VR-Geschichten. Steven Spielberg arbeitet mit dem Unternehmen Virtual Reality Company (Mitbegründer ist der zweifache Oscar-Preisträger und «Maleficent»-Regisseur Robert Stromberg) an einem VR-Film. Stromberg hat bereits mit Regisseur Ridley Scott einen interaktiven Kurzfilm zu dessen Weltraumdrama «The Martian» realisiert. «The Martian VR Experience» versetzt Nutzer in die Perspektive des Protagonisten und verspricht einen 360-Grad-Rundumblick – ganz im Sinne dieses sogenannten Immersive Entertainment, Unterhaltungsangebote, in die der Zuschauer geradezu eintaucht.

Paradoxerweise ist diese Jagd nach unmittelbaren Erfahrungen mit extremer Abschottung verbunden. Bei heutigen VR-Modellen guckt jeder Mensch für sich und mittels einer klobigen Brille abgeschirmt von der störenden Umwelt die Bilder auf einem Display, das sich wenige Zentimeter vor den Augen befindet.

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Demokratisierung

Die Digitalisierung revolutioniert das Kino auch in ganz kleinem Massstab. Digitale Speichermedien machen es möglich, dass mittlerweile Filme von akzeptabler Qualität bereits mit Fotoapparaten oder selbst mit Smartphones gedreht werden können. «Wir erleben im Film einen sehr bedeutenden und grundlegenden Wandel. Der digitale Prozess demokratisiert alles», meinte George Lucas in der Dokumentation «Side by Side».

Der «Star Wars»-Schöpfer hat wie kein anderer Filmemacher die Digitalisierung des Kinos vorangetrieben. Gerade aber scheint sich eine Art analoges Comeback anzudeuten, das Kunstfertigkeit, Handwerk und die besondere visuelle Qualität des belichteten Films unterstreicht. Neben langjährigen Zelluloid-Anhängern wie dem standhaften 3-D-Verweigerer Christopher Nolan («Interstellar») und seinem Kollegen Quentin Tarantino («The Hateful Eight») hat ausgerechnet J. J. Abrams sein «Star Wars»-Reboot «The Force Awakens» auf Zelluloid gedreht. Auch Teil acht des Weltraumepos soll nicht auf Festplatten gebannt werden.

Filme bestehen üblicherweise aus 24 Bildern pro Sekunde (Peter Jackson hat bei «The Hobbit» mit der doppelten Zahl experimentiert). Das Gehirn füllt die Lücken und erzeugt die Illusion von Bewegung. Lars von Trier übertrug dieses Prinzip in gewisser Weise auf die Ausstattung seines Dramas «Dogville» (2003). Er verzichtete weitgehend auf Kulissen. Stattdessen symbolisierten auf den dunklen Bühnenboden gemalte Striche eine Dorfstrasse, die Grundrisse der angrenzenden Häuser und sogar einen Hund. Nach einigen Minuten sah der Zuschauer auch dank Kameraführung und Schnitt tatsächlich eine Strasse, Häuser und einen Hund. Wir brauchen nicht immer die perfekte Illusion. Die wahre Leinwand befindet sich immer noch in unserem Kopf. Sie wartet nur darauf, erleuchtet zu werden.

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Quelle: „Neue Zürcher Zeitung“, 9. Juni 2016, Seite 39 und NZZ.ch

Bilder: Pixabay

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