„High-Rise“: Insel der Verdammten

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In einem Hochhaus-Neubau bei London lösen sich die gesellschaftlichen Verhältnisse auf. Ben Wheatleys Film nach dem dystopischen Roman von J. G. Ballard wird unversehens zu einem Brexit-Kommentar.


«Niemand ist eine Insel, in sich ganz; jeder Mensch ist ein Stück des Kontinents, ein Teil des Festlandes», schrieb der englische Dichter John Donne 1624. «Grossbritannien ist eine Insel», skandierten die Brexit-Befürworter. Ein Eiland ist auch das luxuriöse Hochhaus, in dem sich die Bewohner im Film «High-Rise» des britischen Regisseurs Ben Wheatley verschanzen. Nichtigkeiten genügen, und die schöne Zivilisation verpufft in einer stinkenden Wolke aus Gewalt, Verwahrlosung und Apathie.

Wenn der Mensch zu zivilisiert gerät, ist er dann noch Mensch? Was lauert unter der hauchdünnen Membran aus Manieren und Gesellschaftsvertrag? In J. G. Ballards Roman «Crash», verfilmt von David Cronenberg, wurden das Aufeinanderkrachen und das Insichverkeilen von Karosserien und menschlichen Körpern zum Erweckungserlebnis der Protagonisten, das diese in eine nie gekannte Intensität der Gefühle stürzte. Zwei Jahre später präsentierte der britische Autor (1930–2009) in «High-Rise» einen anderen Fetisch als Katalysator. Der «Fortschritt» enthebt die Bewohner des 40-stöckigen Betonmonsters quasi der Welt, der Natur, der Menschheit. Hier gibt es am Ende keine Befriedigung.

Eine Welt für sich

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Der Medizindozent Robert Laing (Tom Hiddleston) zieht in das gerade fertiggestellte Hochhaus, das erste einer Reihe von Prestigebauten. Vom Balkon aus sieht man in der Ferne London. Aber der von einem immensen Parkplatz umgebene Betonbunker ist seine eigene, sich selbst genügende Welt. Supermärkte, Schulen, Schwimmbäder – alle Bedürfnisse werden hier befriedigt, irgendwo befindet sich sogar ein Bordell, wie Nachbarin Charlotte Melville (Sienna Miller) dem Neuling zuflüstert. Stewardessen und weniger betuchte Familien wohnen unten, die oberen Stockwerke werden von der kinderlosen, hundehaltenden Elite um den Architekten Anthony Royal (Jeremy Irons) bewohnt.

Kaum ist das letzte der spartanischen Apartments verkauft, beginnen die Auflösungserscheinungen. In den unteren Etagen fällt immer häufiger der Strom aus, Aufzüge streiken, die Verteilungskämpfe zwischen denen da oben und denen da unten nehmen zu. Urplötzlich ist die Anarchie da: Der Müll sammelt sich in den Fluren. Mordende und vergewaltigende Banden ziehen durch die Etagen. Doch seltsamerweise denkt niemand daran, die Polizei zu rufen oder einfach auszuziehen. Das Hochhaus wird zur selbstgewählten Falle, zur Sackgasse einer Gesellschaft, die sich endlich ganz an der Spitze wähnte.

«High-Rise» ist ein surreales, brutales, extremes Kinoerlebnis, höchst stilisiert irgendwo zwischen Stanley Kubrick und Wes Anderson. Wenn nicht gerade die Möwen kreischen, überzieht der meisterhafte Soundtrack von Clint Mansell («The Fountain», «Stoker») das Geschehen mit einem dominanten Klangteppich. Wheatley treibt alles auf die Spitze und beweist, analog zum lethargischen Antihelden, eine ausgeprägte Gleichgültigkeit gegenüber dem Leid seiner Figuren.

Alles ist absurd

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Der Roman erschien 1975, und der Regisseur belässt die Handlung in dieser Ära. So verfängt sich die Aktualität in einem Retro-Puffer aus Koteletten und Kettenrauchen. Alles ist absurd, nichts ergibt Sinn. Zwar scheint «der Architekt» zunächst eine Art Weltenlenker wie in der «Matrix»-Trilogie oder Joon-ho Bongs SF-Drama «Snowpiercer» zu sein. Dieser Erbauer des «High-Rise» aber ist bloss ein Hanswurst, der nicht einmal für vernünftige Elektrik sorgen kann.

Dies ist kein teuflisches Sozialexperiment, hier tobt kein Kampf der 99 Prozent gegen das eine Prozent. Vielmehr haben alle Bewohner plötzlich beschlossen, dass es völlig normal ist, wenn man den Müll vom Balkon wirft, Hunde grilliert und seine Nachbarin grausam zurichtet – inklusive der Nachbarin selbst. «Niemand ist eine Insel», schrieb Donne und schloss: «Jedes Menschen Tod ist mein Verlust, denn ich bin Teil der Menschheit; und darum verlange nie zu wissen, wem die Stunde schlägt; sie schlägt dir selbst.»

★★★☆☆

„Neue Zürcher Zeitung“, 30. Juni 2016 und NZZ.ch

Bilder: DCM

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