10 Fakten zu Kataloniens Unabhängigkeitsbewegung

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„MarcoPolo.de“: Wird Katalonien ein eigenständiger Staat? Das Regionalparlament in Barcelona machte gerade den Weg frei für eine Volksabstimmung am 1. Oktober 2017. Dann sollen die Katalanen über eine Loslösung von Spanien abstimmen. Wir zeigen, was hinter der Bewegung für ein unabhängiges Katalonien steckt.


Katalonien ist der spanische Wirtschaftsmotor

Katalonien ist von herausragender wirtschaftlicher Bedeutung für Spanien, aber auch Europa. Hier werden 20 Prozent des Bruttoinlandsprodukts Spaniens erwirtschaftet. Die Region zählt zu den mächtigsten Wirtschaftsräumen der Europäischen Union. In und um Barcelona haben viele multinationale Unternehmen ihren Sitz, der Tourismus boomt, die fruchtbaren Böden sorgen für reiche Ernten. Die Befürworter der Unabhängigkeit argumentieren, dass Katalonien ohne die Transferzahlungen an ärmere Gebiete Spaniens noch besser dastünde. In Katalonien leben rund 7,5 Millionen Menschen, das sind 16 Prozent aller Spanier.

Kulturkreis zwischen Frankreich und Spanien

Katalonien liegt zwischen der Mittelmeerküste und den Pyrenäen im Nordosten der Iberischen Halbinsel direkt an der Grenze zu Frankreich. Unter Napoleon bildete Katalonien kurzzeitig einen Teil des französischen Kaiserreichs. Neben Spanisch und der vor allem in einem Tal in den spanischen Pyrenäen heimischen Sprache Aranesisch ist Katalanisch die Amtssprache. Viele Katalanen verstehen sich als eigenständige Nation mit einer von Spanien separaten Kultur. Seit 2012 ist in der Region zum Beispiel der Stierkampf verboten.

 

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Bild: Pixabay/Tivistar

Katalonien genießt heute schon Sonderrechte

Katalonien ist eine von 17 Autonomen Gemeinschaften in Spanien und zählt mit dem Baskenland, Galicien und Navarra zu den „historischen Autonomen Gemeinschaften“, die über besonders weitreichende Befugnisse verfügen. Die erstrecken sich zum Beispiel auf politische Entscheidungen in den Bereichen Gesundheit, Wirtschaft und Bildung. Katalonien verfügt zudem über eine eigene Polizeieinheit. Nach dem jüngsten Terroranschlag in Barcelona wurde die Konkurrenz zwischen katalanischen und spanischen Behörden deutlich. Katalanische Stellen veröffentlichten zum Teil Mitteilungen ausschließlich auf Katalanisch und widersprachen öffentlich Angaben aus Madrid.

Katalonien: Von stolzer Nation zum spanischen Gebiet

Der Pyrenäenraum mit seinem kurzen Landweg vom Mittelmeer zum Atlantik war seit jeher ein begehrtes Gebiet für Handelsrouten. Nach der Kontrolle durch Iberer, Karthager, Römer, Westgoten und Franken wurden die Grafschaften Kataloniens im 12. Jahrhundert Teil des als Krone Aragoniens bekannten Herrschaftsgebiets. Dieses dominierte bis Ende des Mittelalters den westlichen Mittelmeerraum als führende Wirtschaftsmacht. Mit der Heirat der Erben der Krone von Aragonien und Kastiliens 1496 war der Weg für die spanische Einigung geebnet. Bereits im Französisch-Spanischen Krieg (1635-1695) versuchte Katalonien vergebens, seine Unabhängigkeit zurückzugewinnen. Die Region unterstützte im Spanischen Erbfolgekrieg (1700-1713) einen Habsburger und büßte daraufhin seine Selbstverwaltung ein.
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Die Franco-Diktatur hinterlässt bis heute Narben

Nach Diktator Primo de Riveras und dem Ende der Monarchie erlangte Katalonien 1931 zunächst Autonomie. Die endete mit dem Spanischen Bürgerkrieg und der bis 1975 andauernden Diktatur Francisco Francos. Franco brandmarkte das Katalanische als spezielles Feindbild. Der katalanische Regierungspräsident und Führer der Republikanischen Linken Kataloniens, Lluís Companys i Jover, wurde 1940 hingerichtet. Die katalanische Kultur und Sprache wurden unterdrückt. Auch dank der anhaltenden Wirtschaftsmacht konnte sich Katalonien seit Ende der 60er allmählich wieder Freiräume erkämpfen.

Katalonien ist ein Traumziel für Touristen – und GoT-Fans

Barcelona, Salvador Dalí, Costa Brava, Antoni Gaudí, Pyrenäen, Costa Daurada, Jakobsweg: Angesichts der Vielfalt und des kulturellen Reichtums in Katalonien überrascht es kaum, dass die Region zu den wichtigsten Touristikzielen weltweit zählt. Die Reisebranche hat während der Wirtschaftskrise noch an Bedeutung gewonnen (von 2008 bis Anfang 2013 wurden in Spanien 3,3 Millionen Arbeitsplätze vernichtet). Neben klassischem Badeurlaub und Städtereisen wirbt Katalonien unter anderem auch speziell mit Weintourismus, Radfahren, Golfreisen und barrierefreiem Tourismus. Fans von „Game of Thrones“ kommen ebenfalls auf ihre Kosten: Die Stadt Girona gehörte zu den Hauptdrehorten der sechsten Staffel der Kultserie.

Die Unabhängigkeit wird seit Jahren gefordert

Bereits 2011, 2014 und 2015 gab es in Katalonien konkrete Unabhängigkeitsbestrebungen. Die aktuelle Regionalregierung siegte bei der Wahl nicht zuletzt dank des Versprechens, die Abspaltung von Spanien konkret anzugehen. Im September 2016 demonstrierten in Barcelona und vier anderen Städten Kataloniens Zehntausende von Menschen für die Unabhängigkeit. Viele schwenkten die gelb-rote Flagge der Autonomen Gemeinschaft Katalonien. Zwei Jahre zuvor waren sogar rund 1,8 Millionen Menschen am katalanischen Nationalfeiertag, den 11. September, auf die Straßen gegangen. Ende Juli 2017 hatte das Parlament in Barcelona eine „einseitige Abspaltung“ ohne Verhandlungen mit der Zentralregierung beschlossen.

 

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Bild: Pixabay/vasev_artem

Katalonien will die kulturelle, nicht die ethnische Zugehörigkeit, betonen

Katalonien: Das ist nach Darstellung der Befürworter der Unabhängigkeit nicht in erster Linie die Heimat eines Volkes, sondern ein Kulturkreis. Der katalanische „Außenminister“ Raül Romeva betonte 2016 im Gespräch mit „Zeit Online“, Katalonien sei wie das Baskenland und Galizien eine historisch gewachsene, eigenständige Nation in Spanien. „Die Verfassung von 1978 berücksichtigt das nicht genug“, kritisierte Romeva. „Damals waren wir einfach froh, dass die Diktatur vorbei war und haben nicht aufbegehrt.“ Der Politiker wies darauf hin, dass er selbst kein gebürtiger Katalane ist, sondern aus Madrid stammt: „Es ist also keine rein ethnische Motivation, die uns antreibt. Es geht uns um ein gemeinsames Zukunftsprojekt für unsere wirtschaftlich prosperierende Region.“

Die Abspaltung von Spanien soll schnell kommen

Nach dem Willen der Lokalregierung in Barcelona wird alles ganz schnell gehen. Stimmen die Katalanen beim Volksreferendum mehrheitlich für die Unabhängigkeit, soll binnen 48 Stunden die Trennung von Spanien erfolgen und eine eigene Regierung die Kontrolle übernehmen. Das spanische Verfassungsgericht hat jedoch in der Vergangenheit geplante Volksabstimmungen zur Unabhängigkeit für illegal erklärt. Schließlich sieht die Verfassung die Einheit des Landes vor. Ministerpräsident Mariano Rajoy betonte wiederholt, die Abspaltung werde unter keinen Umständen zugelassen werden. Die stellvertretende Ministerpräsidentin Soraya Sáenz de Santamaría sagte, die Demokratie werde in Katalonien mit Füßen getreten.

Unterstützung für die Unabhängigkeit sinkt

2014 hatten sich bei einer Volksbefragung noch rund 80 Prozent der Teilnehmer für die Unabhängigkeit Kataloniens ausgesprochen. Seit es mit der spanischen Wirtschaft wieder bergauf geht, sind die Umfragewerte allerdings gesunken. Ende Dezember 2016 sprachen sich bereits 46,8 Prozent der Katalanen gegen eine Abspaltung aus, 45,3 Prozent waren dafür. Allerdings möchte die Mehrheit der Menschen zumindest die Möglichkeit haben, in einem Referendum über die Zukunft ihrer Heimat abzustimmen. Im Juli 2017 plädierten in einer Umfrage nur noch 41,1 Prozent der Katalanen für die Unabhängigkeit.

 

Quelle: MarcoPolo.de (1. Oktober 2017)

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