«It» vergiesst Herzblut

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„Neue Zürcher Zeitung“: Der Horrorroman „It“, nach dreissig Jahren endlich fürs Kino adaptiert, feiert in den USA Kassenrekorde. Der Film offenbart aber auch die Fallstricke, die Stephen King für Hollywood bereithält.


„Hättest du gerne einen Ballon?“, fragt der mörderische Clown im Gully – und Fans sinken verzückt tiefer in ihren Kinosessel. 31 Jahre nach der Veröffentlichung kommt Stephen Kings Horror-Epos „It“ endlich in die Kinos. Der Bestsellerautor konnte zu seinem 70. Geburtstag am 21. September auch auf das höchste Einspielergebnis seiner Karriere anstossen.

Nachdem bereits der erste Teaser alle Rekorde gebrochen hatte, erzielte «It» in den USA ab 8. September das beste Startwochenende für einen Horrorfilm aller Zeiten. Bereits nach einer Woche schaffte es der Film auf die Liste der zehn erfolgreichsten Filme 2017. Regisseur Andrés Muschietti versucht, die Monstervorlage mit einer weitgehend konventionellen Adaption zu zähmen. Das gelingt in Teilen. Herz und Seele der Vorlage kann der Regisseur damit aber nicht einfangen.

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Georgie, der kleine Bruder von Bill Denbrough (Jaeden Lieberher), verschwindet beim Spielen auf der Strasse spurlos. Er ist nur eins von vielen Kindern, die bis zum folgenden Sommer in der Kleinstadt Derry wie vom Erdboden verschluckt werden. Der stotternde Bill begibt sich mit seinen Freunden – allesamt Aussenseiter wie er – auf die Suche nach Georgie.

Bald dämmert den Kindern, dass sie es mit einem übernatürlichen Gegner zu tun haben, der ihnen als ihr ganz persönlicher Albtraum erscheint und Derry bereits seit Jahrhunderten heimsucht. Dennoch wagen sie sich vor ins Reich von Pennywise, dem Clown (Bill Skarsgård). In der Kanalisation von Derry stellen sich die Freunde gemeinsam dem unvorstellbaren Grauen.

Die Kinder im Zentrum

Bei einigen der besten King-Verfilmungen, darunter „Stand by Me“ und „The Shawshank Redemption“, genossen die Regisseure den Luxus, eine Kurzgeschichte mit Leben füllen zu können. „It“ hingegen kommt in der Originalausgabe von 1986 auf über 1100 Seiten. Bereits Muschiettis abgesprungener Vorgänger Cary Fukunaga („True Detective“) hatte deshalb beschlossen, „It“ in zwei Teilen zu erzählen. Im Roman kämpfen die sieben Protagonisten erst als Elfjährige 1957/58 und dann erneut 27 Jahre später gegen Pennywise. Die beiden Zeitebenen sind im Buch eng verwoben. Muschietti konzentriert sich in „It“ auf die Geschichte der Kinder. Ein geplanter zweiter Teil soll von der Endschlacht der Erwachsenen erzählen.

Die Entscheidung war naheliegend. King mag ein grosser Name sein, ist im Kino aber kein Garant für finanziellen Erfolg. Das hat erst kürzlich das Debakel von „The Dark Tower“, der anderen grossen King-Verfilmung des Jahres, gezeigt. Den Roman einfach wie beim letzten „Harry Potter“-Film grob in der Mitte zu teilen und in zwei Teilen zu erzählen (wie es übrigens in einem TV-Zweiteiler mit Tim Curry als Pennywise geschah), hätte ein erhebliches finanzielles Risiko bedeutet.

Zudem birgt der frühere Erzählstrang einen besonderen Reiz. Fukunaga, der bei der Endfassung immer noch als Co-Drehbuchautor geführt wird, schwebte eine Art Horrorversion von Richard Donners Familien-Abenteuerfilm „The Goonies“ (1985) vor. Tatsächlich erinnert „It“ gerade in den idyllischen Sommerszenen stark an Rob Reiners „Stand by Me“ (1986) und hat ausgerechnet hier einige seiner stärksten Momente.

Zuschauer, die mit dem Roman vertraut sind, merken aber schnell, dass die Vorlage aus gutem Grund eine epische Länge hat. Im Buch ist der „Losers Club“ eine schicksalshafte Gemeinschaft gepeinigter Kinder, in der jedem Mitglied eine besondere Rolle zukommt. King nimmt sich viel Zeit, um jede Figur klar herauszuarbeiten. Der Horror in Form des aus dem Weltall zur Erde gestürzten Monsters gerät da fast zum (extremen) Initiationsritus auf der Schwelle zum Erwachsensein, bei dem Tugenden wie Loyalität, Heldenmut und Opferbereitschaft geformt werden.

Muschietti orientiert sich bei den notwendigen Kürzungen leider am Handlungsrahmen und nicht am emotionalen Kern der Geschichte. Das führt dazu, dass bis auf die Hauptfiguren Bill und Beverly (Sophia Lillis) fast alle anderen Kinder – sogar der im Roman so entscheidende Ben (Jeremy Ray Taylor) – eher zu Stichwortgebern geraten. Und da der Kampf gegen das Monster zwangsläufig erst im nächsten Teil entschieden wird, endet „It“ so, wie es eben endet: unvollständig.

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 „It“ ist keine kongeniale oder couragierte Adaption. Dass Muschietti dennoch eine der besseren King-Verfilmungen gelungen ist, liegt zum einen an den grandiosen Schauspielern, allen voran den jungen Darstellern. Zum Glück haben der Regisseur und das Studio New Line Cinema in einem Punkt wirklich Mut bewiesen. Sie wagten die harte Altersfreigabe R, bei der amerikanische Kinobesucher unter 17 Jahren von einem Erwachsenen begleitet werden müssen. Das zuständige Gremium monierte denn auch im Sinne des vermeintlichen Jugendschutzes die Darstellung von Gewalt und Blut sowie das Fluchen in dem Film.
All das steht „It“ gut zu Gesicht. Muschietti hält insbesondere bei der Bedrohung von Beverly durch ihren Vater nicht hinter dem Berg. Der bevorstehende Missbrauch hängt wie eine Giftwolke zwischen Tochter und Vater. Apropos Blut: In einer Szene geht der Regisseur sogar über die Vorlage hinaus und erweist der Verfilmung von Kings Roman „Carrie“ die Ehre.

Zeitreise in die Achtziger

„It“ punktet zudem mit einem faszinierenden Auftakt. Kameramann Chung-hoon Chung („Stoker“, „Oldboy“) taucht die Anfangssequenz, in der Georgie auf der verregneten Strasse dem Clown begegnet, in ein gedämpftes Licht irgendwo zwischen Nostalgie und Irrenanstalt. Nostalgie ist generell eine der Trumpfkarten des Films. Muschietti verlegt die Handlung in die Jahre 1988/89. Auf diese Weise kann der nächste Teil in der Jetztzeit spielen.

So kommt es, dass „It“ plötzlich im Jahrzehnt von „E. T.“ und „The Goonies“ ankommt. Deren Regisseur beziehungsweise Geschichtenlieferant Steven Spielberg ist nur neun Monate älter als King. Die beiden teilen neben dem Vornamen eine besondere Faszination für die Themen Kindheit, Freundschaft und Moral. Mehr davon und dafür einmal weniger das irgendwie leicht abgedroschene Monstergebiss von „It“ in Grossaufnahme hätten dem Film gutgetan.

★★★★☆

Quelle: „Neue Zürcher Zeitung“, NZZ.ch

Bilder: Warner Bros., StephenKing.com/Shane Leonard

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