„The Man in the High Castle“: Hitler ist tot, auf ins Nazi-Multiversum!

 

the man in the high castle facebook„n-tv.de“: Die Nazis als intergalaktische „Herrenrasse“? „The Man in the High Castle“ nimmt in Staffel drei eine gewagte Wendung. Die Amazon-Show fasziniert weiterhin. Aber die Macher laufen Gefahr, Mengele & Co. auf den Leim zu gehen.


Adolf Hitler ist tot, der atomare Weltkrieg knapp verhindert, ansonsten aber leider alles ziemlich im Eimer. Das Nazireich strebt in der dritten Staffel der Amazon-Serie „The Man in the High Castle“ nicht mehr nur nach der Weltherrschaft. Hitler-Nachfolger/Abklatsch Heinrich Himmler und Folterarzt Josef Mengele wollen die Nazis in allen Parallelwelten an die Herrschaft bringen. Klingt verwirrend? Tatsächlich biegt die Serie, die als allzu realistisches „Was wäre, hätten die Nazis den Zweiten Weltkrieg gewonnen?“-Szenario begann, mit den neuen Folgen endgültig ins Science-Fiction-Revier vor.

Ein kleiner Tipp: Sollten Sie „The Man in the High Castle“ seit längerer Zeit nicht geguckt haben, kann sich ein kurzer Auffrischungskurs lohnen. Ansonsten häufen sich womöglich schnell die Fragezeichen. Denn mit der Kurzzusammenfassung „Die Nationalsozialisten und Japan haben die Welt unter sich aufgeteilt“ ist es längst nicht mehr getan. Wir schreiben mittlerweile das Jahr 1962. Für Lieblingsnazi Joe Blake (Luke Kleintank) beginnt die neue Staffel im NS-Folterknast. Eben noch war er der mächtige Sohn des mittlerweile geschassten Hitler-Nachfolgers. Jetzt sitzt Joe wegen Hochverrats hinter Gittern. Patenonkel Himmler verschont sein Leben. Aber Joe wird leider nie mehr derselbe sein. Das ist ein echter Verlust für die Serie.

„Man in the High Castle“ wird Science-Fiction

Unterdessen hätte Widerstandskämpferin Juliana Crain (Alexa Davalos) allen Grund zur Freude. Ihre zu Beginn der ersten Staffel ermordete Schwester Trudy ist wieder da. Mit ihr begann ja Julianas Odyssee zum mysteriösen „Orakel vom Berge“ (so der deutsche Titel des Romans von Philip K. Dick, auf dem die Serie beruht). Dessen inspirierenden Wochenschau-artigen Filmchen zeigen eine Welt, in der die Alliierten die Nazis besiegt haben. Sie wurden zu den wichtigsten Waffen des Widerstands gegen die Nazis, die halb Amerika regieren. Trudy ist aber nicht Julianas Trudy. Sie stammt aus einer der Parallelwelten und sitzt nun in Julianas Realität fest.

Der japanische Handelsminister Tagomi (Cary-Hiroyuku Tagawa) ist ebenfalls ein Wandler zwischen den Universen. Er war in der zweiten Staffel in unsere Welt zur Zeit der Kubakrise geraten und hatte dort seine Ex-Angestellte Juliana als Schwiegertochter vorgefunden. Wir halten fest: Es gibt diverse Parallelwelten. Aus ihnen reisen per purer Willenskraft Menschen ins Universum der Serie und bringen Filmrollen mit. Aus denen bastelt der „Man in the High Castle“ seine Anti-Nazi-Propaganda. Aus welcher Welt die Filme aber auch stammen mögen: Immer ist es Juliana, um die sich die Aufnahmen drehen. Sie ist die Schlüsselfigur für die Zukunft der Parallelwelten.

Dieser transuniversale Reiseverkehr ist der Naziführung nicht verborgen geblieben. Das muss Obergruppenführer John Smith (Rufus Sewell), Lieblingsnazi Nummer zwei, in der dritten Folge von Mengele erfahren. Der will mit „Menschenversuchen“ an den Weltenreisenden herausfinden, wie die Nazis das komplette Multiversum kapern können. Als hätte Smith nicht schon genug zu verkraften. Nachdem er Himmlers Aufstieg ermöglicht hat, ist Smith nun der oberste Naziführer in Amerika. Aber er fürchtet um seine Töchter. Die von Smith an seine Kinder weitergegebene Erbkrankheit hat bereits Sohn Thomas im NS-Euthanasieprogramm das Leben gekostet.

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„The Man in the High Castle“ begeisterte Zuschauer in der Debütstaffel mit einem faszinierenden Szenario, starken Figuren und einer mitreißenden Handlung. Die Ausgangslage war mehr als ein gruseliges Gimmick. Sie verdeutlichte wie „The Handmaid’s Tale“, wie schnell die Demokratie sterben kann, feierte aber auch die Widerstandskraft von Anstand und Freiheitswille. Die vielschichtigen Charaktere und grandiosen Darsteller sind weiterhin der große Pluspunkt von „The Man in the High Castle“.

Allerdings treten die Macher jetzt noch stärker auf die Dramaturgiebremse als schon in der zweiten Staffel. Die meisten Handlungsstränge entfalten sich nur langsam und führen oft nach einigen Episoden zum Ausgangspunkt zurück. Zwar kann es durchaus seine Vorteile haben, wenn sich Serienmacher Zeit lassen. Mit diesem besonderen Luxus werden sie ja auch von den Streamingdiensten Amazon Prime Video und Netflix gelockt. Aber in den ersten beiden Folgen von „The Man in the High Castle“ passiert so wenig Neues, dass sie vielleicht besser am Ende von Staffel zwei aufgehoben worden wären. Die Multiversum-Offenbarung hätte dann den Knall im Finale geliefert.

Wie sehr dieser konkrete Science-Fiction-Überbau die Serie als Ganzes prägen wird, bleibt abzuwarten. Dazu muss man wissen: Schöpfer Fran Spotnitz ist ein „Akte X“-Urgestein. Er war fast während der gesamten Laufzeit der originalen Serie als Drehbuchautor und Produzent an Bord. Spotnitz weiß also, wie sich Übersinnliches harmonisch in eine Geschichte einfügen lässt – aber auch, wie schnell dieses Thema eine gute Show kapern kann.

Den Nazis auf den Leim gegangen?

Das echte Problem sind die Nazis. Nach drei Staffeln „Heil“-Geschrei, NS-Ikonographie und Parteitagsreden stellt sich beim Zuschauer unweigerlich ein Abstumpfungseffekt ein. Das kann an sich schon heikel sein. Die Serie hat die beiden Hauptnazis – Joe Blake und John Smith – von Anfang an als nur minimal ambivalente Heldenfiguren behandelt. Echte Gräueltaten vor laufender Kamera blieben dem japanischen Inspektor Kido (Joel de la Fuente) vorbehalten.

Etwas entschärft wurde das Eintauchen in die Ideologiewelt bislang, indem reale Nazigrößen nur am Rande auftauchten. Das ändert sich in Staffel drei. Vor allem die nonchalante Einbindung von Mengele ist derart geschmacklos, dass man zweifeln muss, ob die Macher vor lauter Nazis die moralische Orientierung verloren haben. Das wird der wahre Test für die Serie, deren vierte Staffel bereits beschlossen ist. „Akte X“ oder „Lost“ haben gezeigt: Je ambitionierter das Szenario, desto schwerer wird es, die Mythologie im Laufe der Zeit schlüssig fortzuführen. Halten wir es derzeit noch mit Fox Mulder: I want to believe.

Quelle: n-tv.de (5. Oktober 2018)

Bilder: Facebook/HighCastleAmazon

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