Corporate Volunteering: In sechs Schritten zum richtigen Projekt

„Wirtschaftswoche Online“: Corporate Volunteering bedeutet, während der Arbeitszeit Gutes zu tun. Das lohnt sich für Beschäftigte und Firmen. Diese Tipps helfen beim Start ins ehrenamtliche Engagement.


Deutschland zeigt Einsatz. Mehr als 30 Millionen Menschen sind hierzulande ehrenamtlich tätig. Gerade hat die Bundesregierung die Deutsche Stiftung für Engagement und Ehrenamt ins Leben gerufen. Die Deutschen opfern aber nicht nur Freizeit für einen guten Zweck. Immer mehr Firmen leisten einen Beitrag und stellen Mitarbeiter für soziale Projekte frei. Die Bandbreite beim Corporate Volunteering ist enorm. Sie reicht vom Plätzchenbacken für einen guten Zweck über das Streichen einer Unterkunft für unbegleitete Flüchtlinge bis hin zur mehrtägigen Reise nach Osteuropa, um Häuser für bedürftige Familien zu bauen.

„Corporate Volunteering ist in den letzten Jahren in Deutschland stark gewachsen und zu einem signifikanten Bestandteil des ehrenamtlichen Engagements geworden“, erklärt Juliane Hagedorn von Phineo, einem gemeinnützigen Beratungsunternehmen für gesellschaftliches Engagement. Das steigende Interesse liegt vermutlich nicht ausschließlich an der Lust auf gute Taten. Die zahlen sich für Firmen auch in anderer Hinsicht konkret aus.

Vorteile von Corporate Volunteering

Corporate Volunteering ist mittlerweile zu einem Instrument im Wettbewerb um Fachkräfte geworden. Unternehmen könnten mit solchen Angeboten Reputation und Mitarbeiterzufriedenheit steigern, sagt Hagedorn: „Oft beobachten wir, dass Corporate Volunteering gezielt als Teil der Personalentwicklung genutzt wird. Es erhöht die Bindung von Mitarbeitenden an das Unternehmen, ihre persönliche Zufriedenheit und tatsächlich auch ihre Leistungsmotivation.“

Denn Corporate Volunteering bietet möglichst nicht bloß eine Abwechslung vom Arbeitsalltag. Es erweitert den Horizont, lehrt neue Kompetenzen und wirkt sinnstiftend. Letzteres nimmt für Beschäftigte einen immer größeren Stellenwert ein, wie Umfragen zeigen. Das ehrenamtliche Engagement fördere zudem die sozialen Kompetenzen der Mitarbeiter, erklärt Florian Heitzmann, Pressereferent bei Edeka Süd. Das Unternehmen unterstützt seine Beschäftigten seit 2015 bei der Hilfe für soziale und ökologische Projekte.

Guter Wille und die Bereitschaft zum Spenden von Arbeitszeit und Expertise ist nur der erste Schritt. Damit Corporate Volunteering wirklich für alle Seiten zum Gewinn wird, ist gute Planung nötig. Auch die Fülle an Projekten und Formen des sozialen Engagements kann anfangs abschreckend wirken. Diese Tipps helfen beim Start.

Mit sechs Fragen zum erfolgreichen Corporate Volunteering

1. Ist Corporate Volunteering für mein Unternehmen geeignet?

Damit sich Corporate Volunteering für alle Beteiligten auszahlt, sollte das soziale Engagement für die jeweilige Firma maßgeschneidert sein. „CV ist grundsätzlich für jedes Unternehmen machbar. Mehr als die Hälfte aller deutschen Unternehmen engagieren sich, die Formen des Engagements variieren dabei stark“, meint Hagedorn. Sie leitet bei Phineo den Bereich Beratung und Organisationsentwicklung. „Wichtig ist, sich über den Bedarf, die Zielsetzung und die eigenen Möglichkeiten klarzuwerden.“

Außerdem muss zu Beginn natürlich eine grundlegende Frage geklärt werden: Sind die Mitarbeiter überhaupt daran interessiert, sich während der Arbeit völlig anderen Aufgaben zu widmen? „Corporate Volunteering sollte immer einen freiwilligen Charakter behalten, sonst gehen die positiven Wirkungen für die Mitarbeitenden und das Unternehmen verloren“, warnt Hagedorn. Es kann sich lohnen, mit einer kleinen, begeisterten Gruppe zu beginnen. „Wenn die Mitarbeitenden motiviert sind, hat das oft eine Sogwirkung auf andere“, rät die Expertin.

2. CV: Selber organisieren oder Ehrenamt unterstützen?

Firmen stehen grundsätzlich zwei Optionen offen. Sie können selbst Programme für Corporate Volunteering etablieren. Das hat den Vorteil, dass das Engagement für die Belegschaft zum Gemeinschaftserlebnis wird. Die zentrale Organisation ist womöglich betriebswirtschaftlich und für die internen Abläufe besser handhabbar. Simpler wird Corporate Volunteering, wenn Firmen das private Engagement der Mitarbeiter während der Arbeitszeit fördern. „Es bietet einen guten Einstieg in die Welt des CV und eine Unternehmenskultur, die den Einsatz jedes Einzelnen wertschätzt“, findet Hagedorn.

So hält es beispielsweise Edeka Südwest. Mitarbeiter können sich für soziale und ökologische Projekte von der Arbeit freistellen lassen. „Hierfür gibt es ein begrenztes Kontingent an Stunden“, erklärt Sprecher Heitzmann. „Die Teilnahme am Programm ist freiwillig und erfolgt auf Initiative des Mitarbeiters per Bewerbung um die Corporate-Volunteering-Unterstützung.“ Angestellte würden unter anderem über das Intranet über solche Angebote informiert. „Interne Kommunikation war insbesondere in der Startphase des Programms ein wichtiger Punkt“, meint Heitzmann.

3. Wie sehen intern die ersten Schritte aus?

Gesellschaftliches Engagement sollte nicht einfach nebenbei geschehen. „Corporate Volunteering braucht eine genaue Bedarfsanalyse, klare Ziele, sorgsame Planung und glaubwürdige Umsetzung“, rät Hagedorn.
In größeren Unternehmen sollten früh Kollegen aus Personalabteilung, Kommunikation und, falls vorhanden, den Bereichen Corporate Citizenship (CC) beziehungsweise Corporate Social Responsibility (CSR) an dem Projekt zusammenarbeiten. „Nur so werden von Beginn an relevante Perspektiven, Chancen und Herausforderungen mitgedacht“, erklärt die Expertin. „Im weiteren Verlauf folgt auch Corporate Volunteering dem typischen Managementzyklus: Planen, Umsetzen, Evaluieren und Verbessern. Die Meinung der Mitarbeitenden ist vor allem in der Phase der Evaluation wertvoll für eine nachhaltige Verbesserung.“

Beim sozialen Engagement gilt es zudem rechtliche Aspekte zu beachten. „Relevant sind insbesondere Haftungs- und Versicherungsschutzfragen. Dabei kommt es insbesondere darauf an, ob das Engagement innerhalb oder außerhalb der Arbeitszeit stattfindet“, erklärt Hagedorn. Bei einer Kooperation mit einer Non-Profit-Organisation müsse deren Gemeinnützigkeit gegeben sein. Die Expertin hat einen weiteren Tipp für Unternehmen, die Mitarbeiter mithilfe von Corporate Volunteering stärker an sich binden wollen. Sie rät, daneben weitere Entwicklungs- und Trainingsprogramme anzubieten. Damit bleibt Angestellten mit Lust auf „mehr“ im Betrieb eine Wahl.

4. Welche Form von Corporate Volunteering ist richtig?

„Wer CV strategisch angeht, muss vor allem das passende Format finden“, empfiehlt Hagedorn. Sie nennt diese Möglichkeiten:

  • einzelne Aktionstage
  • Mentoring und Patenschaften
  • soziales Praktikum
  • unentgeltliche Dienstleistungen
  • längere Entsendung von Mitarbeitern in eine Non-Profit-Organisation

„Alles hat Vor- und Nachteile“, meint die Expertin von Phineo. Grundsätzlich gelte beim CV die Devise: Größer und teurer ist nicht zwangsläufig besser. „Kleine und niedrigschwellige Angebote zeigen oft genauso Wirkung wie systematisch aufgebaute Programme“, hat sie festgestellt. Das Wo und Wie hängt von der Größe des Betriebs ab. „Mittelständische Unternehmen orientieren sich oft an regionalen Bedarfen, engagieren sich gern vor Ort, in der eigenen Gemeinde“, sagt Hagedorn. Große Unternehmen könnten sich zusätzlich auch überregionale CV-Programme leisten.

Corporate Volunteering kann mit einem unverbindlichen Testlauf beginnen. Gut organisierte, etablierte Aktionstage bieten Firmen Gelegenheit, das Engagement ohne großen Aufwand auszuprobieren. Viele Unternehmen bekommen bei Lust auf mehr und engagieren sich ganzjährig und langfristig. Beispiele für solche jährlichen Termine sind der Mädchen Zukunftstag Girls‘ Day oder der bundesweite Vorlesetag. Die Initiative der Stiftung Lesen, der Wochenzeitung „Die Zeit“ und der Deutsche Bahn Stiftung findet am dritten Freitag im November statt (dieses Jahr am 15. November). Dann lesen überall in Deutschland freiwillige Helfer in Kitas, Schulen, Bibliotheken oder Vereinen vor. „Im vergangenen Jahr haben sich rund 700.000 Menschen an der Initiative beteiligt, darunter große Unternehmen und Institutionen“, berichtet Sigrid Strecker, Projektmanagerin im Bereich Kita und Familie bei der Stiftung Lesen.

5. Wie findet man das richtige Projekt?

Die Bandbreite beim ehrenamtlichen Engagement ist enorm. Kinder, benachteiligte Menschen, Integration, Umweltschutz, Nachbarschaftshilfe, aber auch fachliche Unterstützung im Sinne klassischer Pro-bono-Arbeit sind im Rahmen von Coporate Volunteering möglich. Für manche Firmen liegt der Einsatzbereich auf der Hand. „Oft ist es sinnvoll, dass Projekte inhaltlich zum Kerngeschäft passen. Wer sich dem Klimaschutz verschrieben hat, für den ist eine Aktion zum Bäume pflanzen sicher nicht verkehrt“, meint Hagedorn.

Ein solcher Ansatz stärkt den „Markenkern“ eines Unternehmens. CV entwickelt aber gerade dann eine besondere Stärke, wenn bereits bei der Auswahl des Projekts Engagement gezeigt wird. Das kann bedeuten, nicht die naheliegendste Idee zu verwirklichen, sondern in größeren Maßstäben zu denken: An welcher Stelle machen Zeit und Expertise tatsächlich den größten Unterschied?

Es „gibt es viele gesellschaftliche Themen und manchmal auch Regionen, die wichtig sind und dennoch oft zu kurz kommen“, meint Hagedorn. „Die Förderung von demokratischer Kultur und Teilhabe gehört zum Beispiel dazu. Wir raten deshalb immer wieder zu einer klaren Unternehmensstrategie, in der die Ziele des Engagements klar formuliert sind.“

Es gibt eine Reihe unabhängiger Anbieter, die Firmen bei der Wahl und Durchführung von Projekten zur Corporate Social Responsibility unterstützen. Erste Anlaufstellen können zudem Wohlfahrtsverbände (beispielsweise Caritas), Hilfsvereine (Deutsches Rotes Kreuz) oder Umweltorganisationen (Naturschutzbund Deutschland) sein.

Manche Einrichtungen bieten ein Komplettprogramm für die „Hilfe zur Hilfe“ an. Die Stiftung Lesen http://www.stiftunglesen.de/engagement etwa unterstützt Unternehmen in dreifacher Hinsicht, wie Projektmanagerin Strecker erklärt.

  1. Beratung: „Wir machen die internen Ansprechpartner im Unternehmen fit für das Thema und stellen Textbausteine für die interne und externe Kommunikation zur Verfügung.“
  2. Qualifikation: „Von der Stiftung Lesen qualifizierte Referenten geben das nötige Basiswissen rund ums Vorlesen an die Mitarbeiter weiter.“
  3.  Ausstattung: „Die Stiftung Lesen hilft bei der Auswahl der richtigen Medien und stellt das passende Paket zusammen – vom einzelnen Buch bis zur Vorlesebibliothek.“

Der Schwerpunkt liegt zwar auf Kindern. Die Stiftung Lesen hatte 2015 aber auch geschulte Freiwillige in Flüchtlingseinrichtungen entsandt. In diesem Jahr liegt ein Schwerpunkt auf dem ehrenamtlichen Vorlesen in Senioreneinrichtungen.

6. Bewirkt Corporate Volunteering überhaupt etwas?

Corporate Volunteering ist kein Selbstzweck und erst recht keine Alternative zum Betriebsausflug. „Gut gemeint ist leider noch nicht immer gut gemacht“, warnt Phineo-Expertin Hagedorn. „Wenn der konkrete Bedarf der Non-Profit-Organisation nicht berücksichtigt wird oder die Volunteers nicht entsprechend ihrer Kompetenzen zum Einsatz kommen, entsteht schnell Unzufriedenheit auf beiden Seiten. Eine Kita braucht vielleicht jemanden, der die Spielgeräte im Garten repariert und nicht den zweiten Farbanstrich in drei Jahren.“ Deshalb sei es wichtig, von Beginn an ehrlich darüber zu sprechen, was man sich von dem Vorhaben erhofft.

Erfolgserlebnisse sind für die Motivation der Helfer wichtig. Das kann aber schwierig werden, wenn ein Einsatz nicht zu einem konkreten „Ergebnis“ führt. Womöglich kommen dann Zweifel auf, ob die Hilfe überhaupt etwas bewirkt. „Der Bedarf an Volunteers ist groß“, beteuert Strecker für die Stiftung Lesen. Die Fachkräfte in den rund 50.000 Kitas in Deutschland seien im Alltag mit pädagogischen und sozialen Aufgaben ausgelastet. Da würden freiwillige Helfer eine wertvolle Unterstützung bieten und einen wichtigen Beitrag zur Sprach- und Leseförderung von Kindern leisten.

„Aus der Forschung wissen wir: 31 Prozent der Eltern von Kindern im Alter von drei bis acht Jahren lesen ihren Kindern nicht oder nur selten vor“, erklärt Strecker. Das könne schwerwiegende Folgen für die Zukunft haben. „Junge Menschen ohne versierte Lesekenntnisse haben es schwer, einen passenden Arbeitsplatz zu finden.“ In dieser Hinsicht kann das soziale Engagement von Firmen sogar dabei helfen, den Fachkräften von übermorgen den Weg zu ebnen.

Quelle: „Wirtschaftswoche Online“ (26. Juli 2019)

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