Jeff Bridges wird 70: Der Held als Jedermann

Flickr-Jeff Bridges-Gage Skidmore-geschnitten„Neue Zürcher Zeitung“: Irgendwie scheint Jeff Bridges immer sich selbst zu spielen. Sublimation bis zur ultimativen Natürlichkeit ist die Stärke des Schauspielers, der 70. Geburtstag feiert.


Es ist kein Zufall, dass Jeff Bridges für immer „The Dude“ ist. Der Ausnahmeschauspieler hat das scheinbare Nichtstun zur Kunstform erhoben. Mit seinem Talent und Aussehen hätte der junge Bridges leicht in die Fußstapfen von Robert Redford oder Richard Gere treten können. Aber dazu kannte der am 4. Dezember 1949 in Los Angeles geborene Sohn des Schauspielers Lloyd Bridges Hollywood zu gut. In einer Welt aus Starkult und Figuren, die größer als das Leben sind, pflegt Bridges auf und jenseits der Leinwand eine Jedermann-Persönlichkeit. Durchschnittlich ist an diesem Schauspieler aber rein gar nichts.

Bridges‘ außergewöhnliche Begabung hat früh für Vergleiche mit Robert De Niro gesorgt. Doch East Coast und West Coast waren auch hier grundverschieden. Während der sechs Jahre ältere, intensive De Niro in der Method-Acting-Hochburg New York City noch auf den Durchbruch wartete, war Bridges bereits für den ersten Oscar als bester Nebendarsteller nominiert. Ein Sieg mit seinem zweiten Kinofilm „The Last Picture Show“ (1971) hätte ihn zum bis dato jüngsten Preisträger der Kategorie gemacht. Die Filmkritikerin Pauline Kael schwärmte 1973 im „New Yorker“ von Bridges als dem „amerikanischsten“ der jungen Schauspielergeneration. Sie spekuliert gar: „Er ist vielleicht der natürlichste Filmschauspieler aller Zeiten.“

 

Die Rolle als Berufung

Bridges war wie sein älterer Bruder Beau quasi in den Beruf hineingeboren worden und als kleiner Junge in der Fernsehshow seines Vaters aufgetreten. Der begeisterte Fotograf hätte sich anfangs aber auch eine Karriere als Maler oder Musiker vorstellen können. Bis heute hält sich Bridges seine Optionen gern offen. „Ich habe eine seltsame Methode“, sagte er 2014 in einem Podiumsgespräch bei der Oscar-Academy. „Ich versuche, nicht zu arbeiten.“ Manchmal aber seien Geschichten einfach zu gut oder sein Ehrgeiz werde geweckt – so wie bei „Crazy Heart“. „Ich hatte wahnsinnige Angst“, erinnerte sich Bridges an die Rolle als alternder Country Musiker. Aber: „Die Herausforderung war zu verlockend“.

Die fünfte Oscar-Nominierung für „Crazy Heart“ brachte Bridges 2010 endlich den bislang einzigen Academy Award. Eine überfällige Ehrung, wie die stehenden Ovationen des Publikums bewiesen. Bridges hielt das Pathos in seiner Dankesrede erwartungsgemäß gering und dankte seinen Eltern für seinen „groovy“ Beruf. Das passte wunderbar, denn nach Ansicht vieler Fans hätte er den Oscar bereits zehn Jahre zuvor für „The Big Lebowki“ (1998) verdient.

 

Bis dahin galt Bridges dank „The Fabulous Baker Boys“ (1989), „The Fisher King“ (1991) und „Fearless“ (1993) vor allem als Experte für gebrochene Männerfiguren. In der Komödie von Joel und Ethan Coen bewies er hingegen eine Leichtigkeit, die Zuschauer und Kritiker allerdings erst in der Rückschau kultverdächtig fanden. Die Oscar-Wähler ignorierten „The Big Lebowski“ und schwelgten mit „Life is Beautiful“ und „Shakespeare in Love“ lieber in den ganz großen Gefühlen.

Die wirken bei Bridges häufig auffallend undramatisch, weswegen er leicht unterschätzt wird. Manch ein Zuschauer hegt womöglich den Verdacht, dass sich der Darsteller im Grunde selbst spielt. Doch diese Selbstverständlichkeit ist das Ergebnis harter Arbeit. Denn hat Bridges eine Rolle erst einmal angenommen, ist es mit der Arbeitsscheu vorbei.

Er bereitet sich laut den Coen-Brüdern akribisch auf Rollen vor und spielt vor der Kamera so subtil Variationen durch, dass sich der Effekt erst im Schnittraum offenbart. „Am Ende schaut man ihn an und er ist einfach dieser entspannte Typ“, beschrieb Beau Bridges dem „Hollywood Reporter“ die Leistung seines Bruders in „The Big Leboswki“. Bridges selbst drückt es auf seiner Internetseite so aus: „Als Künstler scheint eine meiner Hauptaufgaben darin zu bestehen, mich zurückzunehmen.“

 

Die dunkle Seite des Dude

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Joel und Ethan Coen hatten ihrem Hauptdarsteller die Rolle des Bademantelträgers mit Vorliebe für Joints, Bowling und White Russians auf den Leib geschrieben. Dennoch war Bridges kurz davor, die Rolle abzulehnen. Er fürchtete, seinen drei Töchtern ein schlechtes Vorbild zu sein. Womöglich kam ihm der Dude persönlich zu nahe. Bridges bekannte sich 2011 im „Hollywood Reporter“ zu einer jahrzehntelangen Beziehung zu Alkohol und Marihuana. „Es ist ein Teil meines Lebens“, sagte Bridges, der sich nach dem Ende von Dreharbeiten gern zur „Belohnung“ betrinkt. Ehefrau Susan, mit der er seit 1977 verheiratet ist, hat hingegen Ende der 90er Jahre dem Rausch abgeschworen.

Der Dude bleibt für immer Bridges‘ Paraderolle. Persönlich am ähnlichsten ist ihm aber nach Ansicht des Musikers und „Crazy Heart“-Komponisten T-Bone Burnett die Figur in „Starman“ (1984). Bridges hatte für die Rolle als Außerirdischer, der einer jungen Witwe (Karen Allen) in Gestalt ihres Ehemannes erscheint, seine erste Oscar-Nominierung als bester Hauptdarsteller erhalten. Bridges schwebe quasi über den Dingen, inklusive Ruhm und Reichtum, sagte Burnett über seinen guten Freund. „Er scheint sich alles vom Weltall aus anzuschauen. Für ihn steckt alles voller Wunder.“

Quelle: NZZ.ch / „Neue Zürcher Zeitung“ (4. Dezember 2019)

Bild 1: Flickr/Gage Skidmore/CC BY-SA 2.0

Bild 2: Flickr/shoehorn99/CC BY-SA 2.0