Die beliebtesten europäischen Länder zum Studieren

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„Frankfurter Allgemeine Zeitung“: Ein Auslandsstudium bildet über den Fachbereich hinaus. Junge Menschen erleben hier die europäische Idee in Reinkultur – und haben zwischen Elite-Universitäten, Klassikern und Newcomern die Qual der Wahl.


Wenigstens im Bildungsbereich gedeiht die europäische Idee prächtig. Deutsche Studenten gehen bei der Wahl des Ziellandes meist nach dem Motto vor: Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute so nahe liegt? Zuletzt studierten laut dem Statistischen Bundesamt etwa 144.900 Deutsche im Ausland. 82,4 Prozent von ihnen blieben in Europa. Einen großen Anteil daran hat das Programm Erasmus+ der Europäischen Kommission. Es hat bislang mehr als zehn Millionen Menschen den Austausch unter anderem im Bereich der Hochschuldbildung ermöglicht. Ein Erasmus-Stipendium und vergleichsweise kurze Wege sind aber nicht die einzigen Argumente für ein Auslandsstudium in Europa.

Der Kontinent bietet einige der besten Universitäten der Welt. Hinzu kommt der kulturelle Reichtum, von Gastronomie und Clubszene bis zur Hochkultur. Junge Europäer haben meist schon einen positiven ersten Eindruck von ihrem späteren Gastland und nutzen das Auslandsstudium, um ihn zu vertiefen. Die Plattform „Educations.com“ hat in einer Umfrage unter mehr als 20.000 internationalen Studenten festgestellt: Die Mehrheit wählt zunächst das Zielland und dann erst die Universität. Argument Nummer drei für Europa ist die spätere Berufslaufbahn. Ein Auslandsstudium hilft dabei, einen fremden Arbeitsmarkt kennenzulernen und wichtige Kontakte zu Unternehmen für Praktika oder spätere Anstellungen zu knüpfen.

Bei der Qual der Wahl lohnt es sich, nicht das erstbeste Angebot anzunehmen – beispielsweise, wenn der Lieblingsprofessor das Austauschprogramm mit einer bestimmten Hochschule betreut. Europa hat Studenten so viel zu bieten. Der Vergleich lohnt sich.

Auslandsstudium an Elite-Universitäten

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Mit dem Auslandssemester rückt der eben noch unrealistische Traum vom Studium in Oxford oder Cambridge plötzlich in greifbare Nähe. Denn die beiden berühmtesten und begehrtesten Hochschulen Europas nehmen am Erasmus-Programm teil. Dessen Stipendiaten zahlen im Ausland keine Studiengebühren. An einer Elite-Universität wird der Auslandsaufenthalt zur eigenen Exzellenzinitiative. Gastsemester in Oxford oder Cambridge machen sich nicht nur im Lebenslauf gut. Deutsche Studenten erleben dort einen Standard an Lehre, Forschung und Organisation, der weltweit Standards setzt.

Das gibt es immer wieder schriftlich. Die Universität von Oxford wurde vom britischen Wochenmagazin „Times Higher Education“ in diesem Jahr zur besten Universität der Welt gekürt. Der ewige Konkurrent aus Cambridge kam auf Rang drei, das Imperial College London belegte Platz zehn. Das Vereinigte Königreich ist nach den USA das Land mit den meisten ausländischen Studenten. Unter deutschen Studenten belegt es den dritten Rang. Ob dies nach dem Brexit so bleiben wird, ist ungewiss. Oxford hat sich aber eindeutig zum Erasmus-Programm bekannt und für dessen Finanzierung zusätzliche eigene Mittel in Aussicht gestellt.

Klassiker sind englischsprachige Länder

Englischsprachige Länder stehen für deutsche Auslandsstudenten wegen der niedrigeren Sprachbarriere traditionell hoch im Kurs. Das macht auch Irland seit vielen Jahren zu einem Geheimtipp. Der altehrwürdige Campus des 1592 gegründeten Trinity College liegt mitten im Herzen Dublins. Am Standort der Europazentrale von Google und Facebook treffen Digitalwirtschaft und gemütliche Pub-Kultur aufeinander. Wenige Autostunden entfernt wartet die wildromantische Westküste. Lediglich die hohen Mieten machen Austauschstudenten in der irischen Hauptstadt zu schaffen.

Viele europäische Hochschulen haben sich mit englischsprachigen Angeboten ganz auf internationale Gäste eingerichtet. Die können beispielsweise an der Universität von Amsterdam unter 100 Programmen auf Englisch wählen. Im Grenzgebiet zur Bundesrepublik gibt es zudem deutschsprachige Hochschulangebote. All das macht die Niederlande zum zweitbeliebtesten Land für deutsche Studenten.

Unangefochtene Nummer eins ist aber Österreich. Fast jeder fünfte deutsche Auslandsstudent ging laut der letzten Berechnung des Statistischen Bundesamtes dorthin. Jeden Zehnten zog es in die Schweiz. Die lag mit 14.609 Studenten weit vor den USA. Insbesondere die Deutschschweiz lockt mit Bildung auf internationalem Spitzenniveau. „Times Higher Education“ hob die Eidgenössische Technische Hochschule Zürich auf den weltweit 13. Platz und kürte die ETH damit zur besten europäischen Universität außerhalb des Vereinigten Königreichs.

Newcomer überzeugen ausländische Studenten

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Der europäische Bildungsmarkt bietet aber auch einige interessante Newcomer. Laut der Statistikbehörde Eurostat stammen in einem EU-Land durchschnittlich acht Prozent der Studenten aus dem Ausland. Mit knapp 47 Prozent kann Luxemburg unangefochten den Spitzensatz vorweisen. Das ist zum einen sicherlich der geringen Größe Luxemburgs und seiner erst 2003 gegründeten Universität geschuldet. Die Hochschule hat sich jedoch dezidiert auf internationale Studenten hin ausgerichtet. Gelehrt wird auf Französisch, Englisch und Deutsch. Viele Programme sind bilingual, manche sogar trilingual. Die rund 6400 Studenten stammen nach Angaben der Universität aus 125 Ländern.

Stark gestiegen ist zuletzt das Interesse ausländischer Studenten an Polen. Ihre Zahl lag 2016 fast ein Viertel über dem Vorjahreswert. Auch immer mehr Deutsche entdecken das Nachbarland für sich. Im Jahr 2000 zählte das Statistische Bundesamt gerade einmal 154 Austauschstudenten. 2016 waren es bereits 1239. Die Sprachbarriere ist dabei für manch einen Studenten vielleicht sogar gerade ein Argument für Polen. Denn wann hat man schon einmal Gelegenheit, eine Fremdsprache vor Ort zu erlernen?

Für Erasmus-Studenten an der Universität Warschau, der größten des Landes, gibt es hierzu jeden September kurz vor Beginn des akademischen Jahres einen zweiwöchigen „Survival Polish“-Intensivkurs. „Ich spreche kein Polnisch. Ich bin zum ersten Mal in Warschau“, zitiert die Hochschule auf ihrer Internetseite eine deutsche Teilnehmerin. Das zeigt: Ein Auslandsstudium kann auch innerhalb Europas ein echtes Abenteuer sein.

Quelle:
„Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (9./10. November 2019), Beilage „Beruf und Chance“

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