30 Jahre «Pretty Woman»: Warum ist Hollywood heute so verklemmt?

unsplash-dainis-graveris-tpC9yCBfDJQ-unsplash-2„Neue Zürcher Zeitung“: In «Pretty Woman» machte Disney eine Prostituierte zur Heldin. Inzwischen, zum 30. Geburtstag des Kultfilms, scheint so etwas undenkbar. Sex spielt in Hollywood kaum noch eine Rolle. Warum ist das so?


Im Sommer 1990 stand ich mit meiner Familie vor einem Kino am Hamburger Gänsemarkt. Wir wollten den neuen Disney-Film sehen. Ich war 14 Jahre alt, und in Hollywood galt noch das Motto «Sex sells». In der Schlange vor dem Kino entbrannte ein erbitterter Kampf um die letzten Karten für «Pretty Woman». Viele Noch-DDR-Bürger waren gekommen, um zu sehen, wie die Liebe eine Strassenprostituierte und einen Finanzhai vor der dunklen Seite des Kapitalismus rettet.

Insofern war «Pretty Woman» der richtige Film für seine Zeit. Die romantische Komödie, die am 23. März 1990 in die US-Kinos kam, markierte aber auch in anderer Hinsicht eine Zeitenwende. Hollywood ist seitdem erschreckend prüde geworden. Heute scheint es unvorstellbar, dass Disney eine Prostituierte als Heldin präsentiert.

Vor dreissig Jahren war das hingegen ein Erfolgsrezept. Garry Marshalls Film über den Millionär Edward (Richard Gere), der die fröhlich-selbstbewusste Vivian (Julia Roberts) eine Woche lang als Begleitung anheuert, erzielte weltweit das dritthöchste Einspielergebnis des Jahres. In den USA reichte es sogar zum zweiten Platz.

Das war umso bemerkenswerter, als Zuschauer unter 17 Jahren dort eine erwachsene Begleitung benötigten. «Pretty Woman» ist bis heute der erfolgreichste Disney-Film mit der Altersfreigabe R. Mehr noch: Kein anderer derart freizügiger Liebesfilm ist bis heute weltweit an den Kinokassen erfolgreicher gewesen – mit einer Ausnahme, aber dazu später mehr.

Romantisch statt sexy

«Pretty Woman» war nicht als Liebesfilm geplant. Er sollte ursprünglich «3000» heissen (so hoch fiel Vivians Lohn aus) und ein düsteres Drama über die Abgründe der Sexindustrie werden. Das Studio bestand auf einem leichteren Ton, aber nicht auf einem anderen Beruf. An diesem dürften sich die US-Sittenwächter bei der Altersfreigabe besonders gestossen haben.

Erstaunlicherweise kommt es in «Pretty Woman» nie zu Geschlechtsverkehr. Über das Vorspiel kommt der Film nicht hinaus. Vivian und Edward nutzen das Bett lieber für tiefgründige Gespräche. Dies sei der erste Film, in dem das Sexsymbol Gere vor der Kamera mehr von seiner Seele als von seinem Körper entblösse, stellte Amerikas Kritikerpapst Roger Ebert 1990 fest.

Das war symptomatisch. «Pretty Woman» läutete zusammen mit dem Film «When Harry Met Sally» (1989) das goldene Zeitalter der romantischen Komödien ein. Diese Filme gaben sich gern ein wenig verrucht (etwa Sallys gespielter Orgasmus im Diner). Im Grossen und Ganzen boten sie aber vor allem Familienunterhaltung.

Noch kurz zuvor war es in Hollywood ungleich heisser zugegangen. In «Cruising» (1980) mischte sich Undercover-Cop Al Pacino in Schwulenklubs unter die nackten Gäste. Im selben Jahr verkörperte Gere als Callboy in «American Gigolo» Vivians männlichen Gegenpart und zeigte sich unten ohne, während Lauren Huttons nackte Brüste in Grossaufnahme die Leinwand füllten. 1983 feierte Tom Cruise als jugendlicher Bordellbetreiber in «Risky Business» seinen Durchbruch. Danach steuerte das Mainstream-Kino einem Höhepunkt entgegen. Das Erotikdrama «9½ Weeks» (1986) kam in den USA zwar stark zensiert in die Kinos. Der Film des «Flashdance»-Regisseurs Adrian Lyne bewies aber, wie weit damals das grosse Hollywoodstudio MGM gehen mochte.

Tiefpunkt mit «Fifty Shades of Grey»

Mickey Rourkes und Kim Basingers erotische Spielereien am Kühlschrank regten die Phantasie des Kinopublikums an, wie es danach erst wieder «Fifty Shades of Grey» schaffen sollte. Das war jedenfalls der Plan. E. L. James’ Sadomaso-Bestseller – seinerseits ein Abklatsch der gleichermassen prüden wie lusterfüllten «Twilight»-Saga – hatte Leserinnen auf der Suche nach Kabelbindern in die Baumärkte getrieben. Die Verfilmung löste «Pretty Woman» ab als erfolgreichsten Film aller Zeiten, der seine hohe Altersfreigabe nicht Gewaltszenen verdankt, sondern Sex.
Neuere Filme wie «Fifty Shades of Grey» mit Dakota Johnson und Jamie Dornan lassen vermuten, dass Hollywood die Lust vergangen ist.
Neuere Filme wie «Fifty Shades of Grey» mit Dakota Johnson und Jamie Dornan lassen vermuten, dass Hollywood die Lust vergangen ist.
Imago

Doch der Erfolg von «Fifty Shades» 25 Jahre nach «Pretty Woman» bewies vor allem eines: wie verklemmt das Mainstream-Filmgeschäft in den USA mittlerweile geworden war. Die Sexszenen waren schmerzhaft und nicht etwa auf die gewünschte Art. Fehlende Chemie zwischen Dakota Johnson und Jamie Dornan war ein Grund. Irgendwie drängte sich aber der Eindruck auf, dass nicht nur die jungfräuliche Heldin vom Liebesspiel überfordert war. Hollywood – und hier ist nur die Rede von den grossen Studios – scheint die Lust vergangen zu sein.

Eine Ursache sind die puritanischen Moralvorstellungen bei den Altersfreigaben in den USA. Der Branchenverband MPA erlaubt in Filmen für kleine Kinder Massenmord, sofern dabei kein Blut fliesst. Nacktheit im sexuellen Kontext führt hingegen fast immer zu einem R-Rating, das an den Kinokassen für Verluste sorgen kann.

Dieses Risiko hat Hollywood mit der Zeit zunehmend gescheut. Denn die Zuschauer wurden knapp. Das Fernsehen machte dem Kino zunehmend Konkurrenz, unter anderem mit offenherzigen Serien. Während Julia Roberts 1999 in «Notting Hill» eine jugendfreie Romanze mit Hugh Grant verlebte, sprachen die Freundinnen von «Sex and the City» auf HBO Klartext über Vibratoren und schlecht schmeckendes Sperma. Mit «Game of Thrones» kam der Pay-TV-Sender später endgültig im Grenzbereich zum Softporno an. Da konnte Hollywood beim besten Willen nicht mithalten.

Hollywood geht auf Nummer sicher

Die Studios steckten ihr Kapital in der Folge lieber in sehr billige oder aber sehr teure Produktionen mit epischen Actionszenen, bei denen die Leinwand im Vergleich zum Fernseher ihre Stärke noch ausspielen konnte. Romantik oder fortschrittliche Geschlechterporträts wurden weitgehend Netflix und Co. überlassen. Die Prüderie dürfte zudem eine Folge des zunehmend globalisierten Filmgeschäfts sein. Wachsende Märkte auf der anderen Seite der Erde gewinnen für Hollywood immer mehr an Bedeutung, allen voran China (mitsamt seinen Moralvorstellungen).

«Star Wars: Episode I – The Phantom Menace» hatte 1999 nur 53 Prozent des Einspielergebnisses ausserhalb der USA erzielt. Bei «Avengers: Endgame» waren es zwanzig Jahre später bereits 69 Prozent. Mehr als ein Fünftel der weltweiten Einnahmen kamen laut Zahlen des Branchendienstes «Box Office Mojo» aus China. Entsprechend beeinflussen dort herrschende Vorstellungen von Anstand und Sitte – oder besser gesagt: die Zensurvorschriften der Parteiführung – die Inhalte von Drehbüchern im Westen.

Bei «Fifty Shades» hatte Hollywood dank dem Erfolg der Buchvorlage quasi keine Wahl. Der Film kam in China nicht in die Kinos, war aber auch so ein Erfolg. Sonst aber zieht sich Hollywood mit seinen prüden Superhelden vorsichtshalber lieber ganz aus der Realität zurück.

Trotz der aktuellen Remake-Manie bei Disney dürfte «Pretty Woman» also vor einer Neuauflage sicher sein. Auch aus der Fortsetzung ist nie etwas geworden. Roberts, Gere und Marshall drehten neun Jahre später lieber «Runaway Bride». Zögerliche Braut statt selbstbewusste Prostituierte – deutlicher hätte Hollywood den Sinneswandel nicht symbolisieren können. Am Ende von «Pretty Woman» verspricht ein Passant: «Willkommen in Hollywood. Hier werden Träume wahr.» Das gilt mittlerweile aber nur noch für kindliche Phantasien.

Quelle:
NZZ.ch

Bild:
Dainis Graveris/Unsplash