Tom Fords furchtbar schöne Welt

„Neue Zürcher Zeitung“: Tom Ford ist der schönste Quereinsteiger Hollywoods. Bald steht der nächste Film des Ex-Gucci-Designers an, der 60. Geburtstag feiert. Wie wäre es mit James Bond? Naheliegender, als es klingt.


Sein Ruf eilte Tom Ford auf der Leinwand lange vor seinem Regiedebüt voraus. „The Devil Wears Prada“ (2006) adelte den einstigen Kreativdirektor von Gucci und Yves Saint Laurent zum einzigen Modeschöpfer, der dem fiktiven Pendant der gefürchteten US-„Vogue“-Chefin Anna Wintour mit seinen Entwürfen jemals ein Lächeln entlocken konnte. „Nicht wahr“, dementierte Ford Jahre später amüsiert. Fraglich, ob er ursprünglich über den Scherz lachen konnte. Der einflussreiche Designer hatte Gucci 2004 im Streit verlassen und war in ein tiefes Loch gefallen. Die Rettung brachte der Film. Wer von Fords Debüt „A Single Man“ (2009) ein Hochglanz-Drama erwartet hatte, sah sich bestätigt und zugleich eines Besseren belehrt. Ford schwelgt auch im Kino in Schönheit und Dekadenz, nackter Haut und luxuriösen Oberflächen. Darunter aber lauern Isolation, Wunden, Terror. Für Ford, der am Freitag 60 Jahre alt wird, ist das kein Gegensatz, sondern einfach das Leben.

Von Gucci nach Hollywood

Der Designer denkt täglich, wenn nicht gar stündlich, an den Tod. „Ich wurde einfach so geboren“, erklärte er 2016 dem „Hollywood Reporter“. Vielleicht war das ein Grund für die exzessive Lust am Leben, mit der Ford Gucci ab Mitte der 90er Jahre in das heisseste Luxuslabel der Modewelt verwandelte – ein Erbe, von dem die Marke bis heute zehrt. Ford wurde im Kielwasser Karl Lagerfelds zum Vorreiter einer Welle junger Rebellen, die die in vornehmer Tradition erstarrten Modehäuser in die lukrative Moderne katapultierten, darunter Alexander McQueen bei Givenchy und Marc Jacobs bei Louis Vuitton. Ford hatte als Student mit Andy Warhol im „Studio 54“ gefeiert. Der gebürtige Texaner schockte den europäischen Geldadel mit Sex und Protz. Zum Sinnbild seiner Ära wurde ein winziger String-Tanga, dessen Gucci-Plakette am besten im extra tiefen Rückenausschnitt eines Kleides zur Schau gestellt wurde. Für diese Dessous verlangen Verkäufer auf Ebay heute Tausende von Franken.

Scham hatte im Modekosmos von Ford keinen Platz. Im Privatleben des homosexuellen Künstlers sah das womöglich anders aus. Es dürfte etwa zu Beginn seiner Zeit bei Gucci gewesen sein, als ihm der Roman „A Single Man“ von Christopher Isherwood in die Hände fiel. 30 Jahre lang begleitete ihn die Geschichte von George, der nach dem Unfalltod seines Lebensgefährten beschliesst, sich das Leben zu nehmen. Die Handlung spielt nur wenige Monate nach Fords Geburt am 27. August 1961. Der elegante George besitzt als Universitätsprofessor Prestige, ist aber als schwuler Mann zugleich von der Gesellschaft zur Unsichtbarkeit verdammt. Ford fand nach dem Aus bei Gucci in George einen Seelgefährten. „Ich war an einem Punkt in meinem Leben, wo auch ich keine Zukunft sehen konnte“, sagte er später. Ford flüchtete sich in Alkohol und Drogen. Gerade noch rechtzeitig zog er die Notbremse: „Hätte ich nicht aufgehört zu trinken, wäre ich wohl nicht mehr am Leben.“

„A Single Man“ wurde für Ford zum Neustart ohne Sicherheitsnetz. Zwar war er klug genug, die Kostüme der erfahrenen Arianne Phillips („Walk the Line“) zu überlassen. Aber der Neuling traute es sich zu, Isherwoods Roman selbst zu adaptieren (vom früheren Entwurf des Co-Autors David Scearce blieb nur eine Szene übrig). Am Ende stemmte Ford sogar die Kosten. Seine Geldgeber waren nach der Finanzkrise 2008 abgesprungen. „Ich habe an den Film geglaubt. Ich musste es tun“, erklärte Ford dem „Guardian“. Das Herzblut, das in den Film floss, überzeugte Hauptdarsteller Colin Firth, dem Debütanten eine Chance zu geben. „Was auch immer daraus wird, es wird nicht mittelmässig“, war sich der Brite sicher, der für Rolle seine erste Oscar-Nominierung erhielt.

Aus tiefster Seele, ohne Scham

„A Single Man“ erwies sich selbst für Bewunderer des Modeschöpfers als unerwarteter Triumph. Der Designer Tom Ford war nach eigener Einschätzung stets „kommerziell“ geblieben. „Vielleicht bin ich zu zynisch, um ein echter Künstler zu sein“, sagte er 2016. Mit seinem Erstlingswerk aber gelang ihm ein ebenso reifer wie persönlicher Film, der wie die Krönung einer Regiekarriere und nicht wie deren Beginn wirkte. „Tom hat seine Liebe zu mir ohne Scham, für alle sichtbar, auf die Leinwand gebracht“, sagte sein Ehemann Richard Buckley bei einer Preisverleihung vor LGBTQ-Aktivisten. „Toms Film feiert unsere Existenz. Liebe ist Liebe.“

Ford und der 13 Jahre ältere Modejournalist sind seit 1986 ein Paar. 2012 brachte eine Leihmutter Sohn Jack zur Welt. Auch wegen des Familienlebens dauerte es sieben Jahre bis zu Fords zweiten Film „Nocturnal Animals“ (2016). Der Regisseur lieferte eine weitere Romanadaption über schöne Menschen ab, die verzweifelt um die Kontrolle über ihr Leben kämpfen. Statt der sanften Melancholie des Vorgängers überraschte er jedoch mit aufregender Kaltblütigkeit und Komplexität. Der studierte Innenarchitekt verschob seinen cineastischen Horizont von den Villenvierteln seiner Wahlheimat Los Angeles in die staubige Einöde seines Geburtsorts Texas. Zwischen diesen Polen verwob er meisterhaft die Geschichte einer Galeristin (Amy Adams), die das Scheitern ihrer ersten Ehe Revue passieren lässt, mit der Handlung eines Romans, in dem die Frau und Tochter des Protagonisten (Jake Gyllenhaal) ermordet werden. In „A Single Man“ war der Tod ein fast schon zivilisierten Weggefährte. Hier brach er als purer Terror über Figuren und Publikum herein.

Sein Talent für moderne Geschichten über Geschlechterrollen, Macht und die schönen Dinge des Lebens würde Ford zum spannenden Kandidaten machen, um James Bond in eine neue Ära zu führen. Den 007-Stil hat er bereits geprägt. Daniel Craig trug seit „Quantum of Solace“ (2008) Anzüge seiner Modemarke. Ford hat zudem 17 Jahre lang in London gelebt, kennt also den britischen Way of Life. Leider ist es zweifelhaft, ob der Perfektionist sich in die Mühlen des Franchises begeben würde. Der Perfektionist hat bei seinen Filmen gern die volle Kontrolle. Ausserdem genießt er als Teilzeit-Quereinsteiger einen besonderen Luxus: Der erfolgreiche Geschäftsmann, der seit 2020 Vorsitzender des Berufsverbands der US-Modedesigner (CFDA) ist, braucht das Kino nicht. Andersherum sieht das schon anders aus.

„Neue Zürcher Zeitung“ (26. Augut 2021), Druckfassung auf NZZ.ch

Bild: Flickr/daliscar/CC BY 2.0