„Wolfskinder“: Vergesst nie, wer ihr seid

Produktion "Wolfskinder", Litauen, Juli 2012

Mit Ende des Zweiten Weltkriegs ging für viele Kinder im ehemaligen Ostpreußen der Kampf ums Überleben oft erst richtig los. Zu Waisen geworden, waren Tausende auf sich allein gestellt. „Wolfskinder“ ist ein Nachkriegsdrama mit leider aktuellen Bezügen.


Ostpreußen, Sommer 1946: Der 14-jährige Hans (Levin Liam), sein kleiner Bruder Fritzchen (Patrick Lorenczat) und die schwerkranke Mutter (Jördis Triebel) sind auf der Flucht vor der siegreichen Roten Armee. Die Mutter trägt dem sanftmütigen Hans auf, sich mit seinem Bruder zu Bekannten auf einem litauischen Bauernhof durchzuschlagen. Am nächsten Morgen sind die Jungen Waisen und machen sich auf den gefährlichen Weg durch die Wälder.

Gejagt von Soldaten, werden die Brüder schon bald getrennt. Dafür trifft Hans auf die gleichaltrige Christel (Helena Phil), später gesellen sich noch die jüngeren Geschwister Asta (Vivien Ciskowska) und Karl (Willow Voges-Fernandes) zu der Gruppe. Gemeinsam ziehen die Kinder Richtung Osten, ernähren sich von Beeren, Fröschen und einmal fangen sie gar ein Huhn, was roh als wahrer Festschmaus verzehrt wird.

Ab und zu stoßen die Kinder auf einsame Bauernhöfe in den Wäldern. Die Begegnungen mit den Einheimischen sind aber stets ein Wagnis: Manchmal erweisen sich die Bauern als hilfsbereit, wenn sie sich für ihre Unterstützung auch entlohnen lassen. Manchmal jagen sie den Kindern aber auch einen bissigen Hund auf den Hals.

Hans hat nur ein Ziel: Dem Wunsch seiner Mutter gemäß den Bauernhof in Litauen zu finden und dort hoffentlich mit seinem Bruder wiedervereint zu werden. Um das zu erreichen, muss der Junge aber einige grausame Opfer bringen.

Regisseur traf Überlebende

Filmemacher und Drehbuchautor Rick Ostermann hat sich für sein Regiedebüt wahrlich ein schweres Thema ausgesucht. Der 1978 geborene Regisseur hat für die Recherche nicht nur Bücher gewälzt, sondern auch zahlreiche Gespräche mit ehemaligen Wolfskindern und ihren Angehörigen geführt. „Sie halfen mir, der Geschichte und den Figuren noch mehr Leben und Authentizität zu verleihen“, sagt Ostermann, dessen Mutter als Vierjährige mit ihrer Familie aus Ostpreußen fliehen musste.

Der Regisseur versteht seinen Film über das konkrete Sujet hinaus auch als „ein Beispiel für das Schicksal vieler Kinder auf der ganzen Welt und über die Zeit hinweg“. Dieser Motivation mag es geschuldet sein, dass der Film außer der historischen und geografischen Verortung keinerlei Hintergrundinformationen bietet. Dass es sich bei den bewaffneten Männern an Lagerfeuern um deutschen Kindern wohlgesinnte, litauische Partisanen im Kampf gegen die Rote Armee handelt, bewaffnete Männer in Fahrzeugen aber feindliche Russen sind, muss sich der Zuschauer selbst herleiten, sofern er sich nicht in der Geschichte dieser Region auskennt.canvas

Ostermann begründet die Vernachlässigung historischer Fakten mit der Konzentration auf den „archaischen“ Aspekt der Geschichte. Im Mittelpunkt sollen das physische Erleben und das Leid der Kinder stehen, ihr Kampf gegen Hunger, Durst, Tod, Krankheit. Die Darstellung der Natur war dabei für den Regisseur und seine deutsche Kamerafrau Leah Striker von besonderer Bedeutung.

Striker, die bereits mit Quentin Tarantino, Ridley Scott und Alejandro González Iñárritu gearbeitet hat, hat bei den Dreharbeiten in Litauen tatsächlich wunderschöne Landschaftsbilder eingefangen. Es verwundert nicht, dass Ostermann auf die Frage nach seinem visuellen Vorbild auf Terrence Malick verwiesen hat. Der Regiealtmeister („The Tree of Life“) ist berühmt für Naturimpressionen voller Magie und seine Vorliebe für natürliches Licht. Hierin liegt allerdings die Crux von „Wolfskinder“: Manchmal ist das alles einfach fast schon zu schön. Ausdrucksvolle, schmutzige Kindergesichter in Großaufnahme wollen fast schon mehr bewundert als bemitleidet werden. Märchenwälder mit verwunschenen Lichtungen, wogende Getreidefelder, klare Waldseen lassen ungewollt den Gedanken aufkommen: Da ließe sich gut Urlaub machen.

Unklares Grauen

Nun ist es selbstverständlich möglich, vor einer idyllischen Kulisse unsagbaren Schrecken zu inszenieren. Allerdings setzt sich die visuelle Annehmlichkeit in Ostermanns erzählerischen Entscheidungen fort. Das beginnt damit, dass er seine Geschichte bei herrlichstem Sommerwetter stattfinden lässt. Zwar leiden die Kinder Hunger, irgendetwas Essbares lässt sich aber immer finden, in fadenscheinigen Strumpfhosen und dünnen Kleidchen muss nicht allzu sehr gefroren werden, ein Regenschauer ist mehr Anlass zur Freude denn zur Verzweiflung – die Natur ist hier ein guter Freund.

Selbst einige der schlimmsten Momente bleiben in ihrem Grauen ambivalent: Als Hans einen Weggefährten, der wegen einer Verletzung am Bein nicht mithalten kann, wortlos einem Fremden auf den Pferdekarren setzt und von dem Mann zwei Äpfel als „Bezahlung“ erhält, bleibt unklar, welches Schicksal den Jungen erwartet. Und sogar als Hans im nackten Überlebenskampf zum Äußersten greift, wohnt der Szene aufgrund der idyllischen Umgebung eine beruhigende Ästhetik inne.

Darf man aber den Kindern auf der Leinwand mehr Leid an den Hals wünschen? Nach Ansicht des Regisseurs waren einige Schicksale von Überlebenden zu hart für die Leinwand. Das mag stimmen. Doch scheint es, als sei Ostermann – insbesondere für Zuschauer ohne großes Vorwissen – zu stark vor der Brutalität des von ihm gewählten Themas zurückgeschreckt. Sehens- und lobenswert ist „Wolfskinder“ aber allemal. Nicht zuletzt dank der jungen Darsteller, für die das Projekt die erste Schauspielererfahrung war. Insbesondere Hauptdarsteller Levin Liam hinterlässt einen bleibenden Eindruck.

Schon vor dem Kinostart dürfen sich die Macher über allerhand Auszeichnungen freuen. So wurde Ostermann die Ehre zuteil, mit seinem Kinodebüt im vergangenen Jahr Premiere beim Filmfestival in Venedig zu feiern. Zudem wurde das von der „Bundesstiftung Flucht Vertreibung Versöhnung“ unterstützte Drama mit dem Nachwuchspreis des „Friedenspreises des Deutschen Films – Die Brücke“ ausgezeichnet.

Weiterführende Informationen zum Thema bietet der Wolfskinder-Geschichtsverein

„Wolfskinder“ startete am 28. August in den deutschen Kinos.

Filmkritik bei n-tv.de

 

(Bilder: Port au Prince Pictures GmbH)

 

 

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