„Annie“ schwingt nicht am „Chandelier“

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Ein süßes Waisenkind, Cameron Diaz und Jay-Z – was kann da schiefgehen? So einiges, wie das Kinomusical „Annie“ zeigt. Hollywood hat mal wieder den Mainstream unterschätzt. Der kann Aufrichtigkeit nämlich durchaus vertragen, wie Sängerin Sia ihren Mitstreitern hätte verraten können.


Als Kinogänger kann man sich manchmal wirklich veräppelt fühlen. Gut: Wer ohne Erwartungen und großartige Ansprüche in die Verfilmung des Musicalklassikers „Annie“ geht, kann vermutlich ganz nette zwei Stunden verbringen und nebenbei noch problemlos einige SMS schreiben. Allerdings ist die Gefahr recht groß, dass mitgebrachte Kinder rasch gelangweilt Radau veranstalten. Denn auch kleine Kinogänger lassen sich ungern für dumm verkaufen.

Es ist fast schon eine bemerkenswerte Leistung, wie unterdurchschnittlich „Annie“ geworden ist. Die Geschichte des kleinen Waisenmädchens, das einen hartherzigen, reichen Mann zu einem besseren Menschen macht, begeistert mit Evergreens wie „It’s the Hard Knock Life“ und „Tomorrow“ seit 1977 Musicalfans weltweit. Als Produzenten fungierten jetzt unter anderen Rapstar Jay-Z und Schauspieler Will Smith nebst Ehefrau Jada Pinkett Smith. Letztere hatten „Annie“ ursprünglich für Tochter Willow vorgesehen. Als die Interpretin des Nonsense-Klassikers „Whip My Hair“ zu alt für die Rolle wurde, ging sie an die heute elf Jahre alte Quvenzhané Wallis. Die hatte mit dem Drama „Beasts of the Southern Wild“ für Furore gesorgt und ist mit neun Jahren die jüngste Oscar-nominierte Hauptdarstellerin aller Zeiten.

Die namhaften Produzenten haben für die Besetzung ihre Beziehungen spielen lassen und auch Cameos von Ashton Kutcher, Mila Kunis, Rihanna und Katy Perrys Twitter-Account organisiert. Oscar-Preisträger Jamie Foxx spielt den milliardenschweren, zynischen Unternehmer Will Stacks, der New Yorker Bürgermeister werden will. Nach einer Zufallsbegegnung lässt er Annie in seinem Luxus-Penthouse wohnen, um sich vor den Wählern als guter Mensch zu inszenieren. Ihm zur Seite stehen Beraterin Grace (Rose Byrne) und der schmierige Wahlkampfleiter Guy (Bobby Cannavale). Cameron Diaz gibt Annies garstig-schrille Pflegemutter Miss Hannigan, die aus ihrem Schützling nur Profit schlagen will.

Die Grausamkeit der Sony-Hacker

Von echten Gefühlen ist bei der Geschichte des von seinen Eltern ausgesetzten Mädchens, das sich verzweifelt nach einer Familie sehnt, nichts zu spüren. In den USA wählten die Kritiker ungewohnt harsche Worte. „Geschmacklos“, „beschämend“, „zynisch“, „grenzwertig inkompetent“ hieß es dort auch mit Blick auf die mangelhaften Gesangsqualitäten der meisten Darsteller und die amateurhafte Choreografie des „Glee“-Vortänzers Zach Woodlee. „Es ist ihr bislang grausamster Streich“, ätzte der „Rolling Stone“ an die Adresse der Sony-Hacker, die aus Protest gegen die Nordkorea-Komödie „The Interview“ auch eine Kopie von „Annie“ vom Server des Filmstudios gestohlen und für jedermann frei zugänglich online gestellt hatten.

Lustigerweise gibt es auch in „Annie“ eine Anspielung auf Nordkorea, selbstverständlich der harmlosen Art. Von großen Themen haben Will Smith und Jay-Z die Finger gelassen: „Annie“ bekommt zwar afroamerikanische Hauptdarsteller, noch so dezente Anspielungen auf Ungleichheit oder Diskriminierung sucht man jedoch vergebens. Die Macher haben beim Streben nach einem Kassenerfolg ihrem Publikum derart verkrampft auf das Maul geschaut, dass nicht einmal Mittelmaß herausgekommen ist.

Von Sia siegen lernen

In den USA hat „Annie“ gerade mal die Produktionskosten eingespielt. Dafür gab es als Trostpreis zwei Nominierungen bei den Golden Globes: einen für Hauptdarstellerin Wallis, die andere ging an Sängerin Sia und den Song „Opportunity“. Die Australierin ist mit gleich drei Liedern auf dem „Annie“-Soundtrack vertreten und hätte den Produzenten so einiges über deren verqueres Bild vom angeblichen Massengeschmack erzählen können. In dem Video zu ihrem Hit „Chandelier“ war ein Mädchen in Annies Alter mit platinblonder Perücke durch ein versifftes Apartment getanzt, während Sia über ihre Sucht nach Liebe und Alkohol sang. Das Ganze war von derart verstörender Schönheit, dass der Clip zum siebtbeliebtesten Video 2014 bei YouTube avancierte und weit über 400 Millionen Mal angeklickt wurde.

Mainstream ist eben kein weichgespültes Mittelmaß mit weggeklonten Ecken und Kanten. Das bewiesen im vergangenen Jahr auch die Überraschungserfolge „The Lego Movie“ und „Guardians of the Galaxy“. Leid und Verzweiflung sind den meisten Menschen nicht gänzlich unbekannt. Ihre Darstellung steht dem Unterhaltungswert eines Films nicht im Wege. Ihr Totschweigen schon.

„Annie“ läuft ab 15. Januar in den deutschen Kinos.

Quelle: n-tv.de

 

(Bilder: Sony Pictures)

 

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