Alzheimer-Drama „Still Alice“: Julianne Moores stiller Oscar-Triumph

541585.jpg-r_640_600-b_1_D6D6D6-f_jpg-q_x-xxyxx

Julianne Moore war eine Striptänzerin, Sarah Palin und die coolste Rothaarige an der Seite des Big Lebowski. Einen Oscar bekommt die 54-Jährige jedoch erst für ihr einfühlsames Porträt einer Alzheimer-Patientin in „Still Alice“.


Alles im Leben von Alice Howland (Julianne Moore) dreht sich um Worte. Die New Yorker Linguistik-Professorin ist eine weltweit gefragte Koryphäe und fasziniert davon, wie Säuglinge scheinbar mühelos ihre Muttersprache erlernen. Eloquenz definiert aber auch im zwischenmenschlichen Dialog den intellektuellen Status der Wissenschaftlerin – sei es beim Kreuzworträtsel-Spiel „Words with Friends“ oder während eines Vortrags vor ehrfürchtigen Studenten. Auch privat läuft es perfekt. Alices Ehemann John (Alec Baldwin) ist selbst ein erfolgreicher Forscher. Tochter Anna (Kate Bosworth) ist Anwältin, Sohn Tom (Hunter Parrish) studiert Medizin. Das schwarze Schaf in der Akademikerfamilie ist die Jüngste, Lydia (Kristen Stewart). Sie hat sich nach Los Angeles abgesetzt und schlägt sich zum Missfallen ihrer Mutter als unterbezahlte Theaterschauspielerin durch.

Dann entgleiten Alice immer öfter Wörter und sie verirrt sich beim Joggen in vertrauter Umgebung. Die 50-Jährige ist überzeugt, an einem Gehirntumor zu leiden. Die Diagnose ihres Neurologen fällt noch niederschmetternder aus: Alice leidet unter einer frühen, vererbten Form von Alzheimer. Erschreckend schnell schreitet der geistige Verfall fort, die einst so selbstsichere Frau wird zunehmend sozial isoliert. „Ich wünschte, ich hätte Krebs“, sagt sie. Ihre Familie steht ihr zwar bei. Als es jedoch um wahre Opferbereitschaft geht, stellt sich ausgerechnet Lydia ihrer Verantwortung.

Überfällige Ehrung

Ein kollektiver Seufzer der Erleichterung ging kürzlich bei der Oscar-Verleihung durch den Saal, als Julianne Moore endlich ihren ersten Academy Award in Empfang nehmen konnte. Dreimal war sie zuvor nominiert gewesen, erstmals 1998 als Pornostar in „Boogie Nights“.

Seitdem hat sich die New Yorkerin mit vielfältigen und oft komplexen Rollen zu einer der beliebtesten Darstellerin der Branche hochgearbeitet. Nur wenige Schauspielerinnen verstehen es wie Moore, derart übergangslos in einer Figur aufzugehen und herzzerreißende Tragik ohne Effekthascherei darzustellen.

still

In Reinkultur gelingt dies Moore in „Still Alice“: Bei allen Frustrationen und Demütigungen bleibt das überbordende Drama aus. Diese subtile Zurückhaltung gilt nicht nur für das Spiel der Hauptdarstellerin, sondern prägt den gesamten Film.

Für die verheirateten Regisseure Richard Glatzer und Wash Westmoreland („The Last of Robin Hood“) hatte das Projekt eine ganz persönliche Bedeutung. Kurz bevor ihnen der Roman der Neurowissenschaftlerin Lisa Genova angetragen wurde, war bei Glatzer die Nervenkrankheit ALS diagnostiziert worden. Während der Dreharbeiten konnte er sich nur noch mithilfe eines Computers verständigen und war doch jeden Tag am Set. „Letztlich war es genau das, worum es bei diesem Film ging. Wir sahen es direkt vor unseren Augen“, sagte Westmoreland über das Schicksal und die Willensstärke seines Ehemannes.

Von Müttern und Töchtern

Neben Moore beeindruckt auch Kristen Stewart. Nach ihrer Rolle als Juliette Binoches Assistentin in „Die Wolken von Sils Maria“ gibt sie hier erneut eine junge Frau aus dem Theatermilieu, die sich an einer dominanten Mutterfigur abarbeitet. Stewarts Figur verleiht dem Film über das Thema Alzheimer hinaus eine besondere Qualität. Lydia offenbart der Linguistin Alice die Poesie und Schönheit der Sprache über den inhaltlichen Wert von Wörtern hinaus.

„Still Alice“ ist bei aller Tragik keine Wüste der Hoffnungslosigkeit. Selbst am Schluss sind noch Momente des Verstehens und der Liebe zu finden, wenn man sich denn die Mühe macht, sie zuzulassen. Nicht zuletzt ist es auch ein wundervoller Film über eine überkritische Mutter und ihre störrische Tochter, die letztlich viel mehr verbindet als beide vermutet hätten.

„Still Alice – Mein Leben ohne Gestern“ kommt am 5. März in die Kinos.

Quelle: n-tv.de

(Bilder: polyband Medien)

Advertisements