Trip zum Ursprung des Kosmos: „New Horizons“ rückt Pluto auf die Pelle

Nach über neun Jahren Flugzeit ist die Nasa-Sonde „New Horizons“ fast am Ziel. Am 14. Juli wird der schnellste Raumflugkörper aller Zeiten Pluto passieren und erstmals ein detailliertes Bild des Ex-Planeten am Rande unseres Sonnensystems liefern. n-tv.de sprach mit dem Präsidenten der Astronomischen Gesellschaft darüber, was Pluto uns über den Ursprung des Kosmos verraten kann, wieso er kein Planet mehr ist und weshalb der Kuipergürtel nichts mit „Star Wars“ zu tun hat.

n-tv.de: Herr Professor Steinmetz, warum ist Pluto für die Forschung so interessant?

Matthias Steinmetz: Da Pluto und die übrigen Objekte im Kuiper Belt, vom Gesteinsbrocken bis zum Zwergplaneten (für die Pluto quasi der Prototyp ist) so weit von der Sonne entfernt liegen, sind sie sozusagen die eingefrorene Urmaterie unseres Sonnensystems. Wenn wir diese Objekte analysieren, lernen wir praktisch direkt etwas über das Material, aus dem unser Sonnensystem entstanden ist.

Welche Erkenntnisse können daraus folgen?

Wo kommen wir her, wie ist der Kosmos entstanden, wie haben sich Sterne und Planetensysteme gebildet? Eine der Fragen ist, wie sich die chemischen Elemente im Kosmos aufgebaut haben. Zu Beginn gab es nur Wasserstoff und Helium. Alles andere wurde in Sternen über die Jahrmilliarden erbrütet.

Hatte die Aberkennung des Planetenstatus Auswirkungen auf „New Horizons“?

Es ist ja keine ganz einfache Mission, eine Sonde so weit nach draußen zu schicken und sicherzustellen, dass sie nach zehn Jahren Reise ankommt und noch alles funktioniert. Ich glaube, nachdem die „New Horizons“ gestartet war, war bezüglich der Mission alles entschieden. Ob Pluto jetzt ein Planet ist oder der erste Zwergplanet – das war dann nicht mehr wirklich relevant.

Warum wurde Pluto als Planet überhaupt in Frage gestellt?

Es wurden ab den 90er Jahren immer mehr Objekte im Kuiper Belt nachgewiesen – bis hin zu Objekten, die größer sind als Pluto, wie zum Beispiel der Zwergplanet Eris. Man hat dann versucht, systematisch etwas aufzuräumen. Da hat die Fachwelt vielleicht auch die damit verbundenen Emotionen und die öffentliche Reaktion einfach unterschätzt.

Können Sie sich noch an den öffentlichen Aufschrei nach der Aberkennung 2006 erinnern?

Oh ja. Da gab es eine wunderbare Schlagzeile in den australischen Medien. Praktisch auf Seitenformat: „Pluto Dumped by the Uber-Nerds“.

Sie haben sich bei der Vollversammlung der Internationalen Astronomischen Union der Stimme enthalten. Wie lief das damals ab?

Es gab von einer Arbeitsgruppe eine sehr vernünftige Definition zur Frage, was ein Planet ist: um die Sonne kreisen und hinreichend massereich sein, so dass ihn seine eigene Gravitation in eine kugelartige Form zwingt. Die Konsequenz davon wäre gewesen, dass es nicht nur neun Planeten gegeben hätte, sondern zum damaligen Zeitpunkt mindestens elf, darunter auch Eris sowie Ceres. Darüber wurde gestritten. Dann kam der modifizierte Vorschlag: Ein Planet muss die Sonne umkreisen, die Eigengravitation muss ihn kugelförmig machen und er muss so massereich sein, dass man in seinem Orbit keine anderen Objekte findet. Damit fallen alle Objekte im Asteroidengürtel weg, aber auch Pluto. Dann haben wir gesagt: Okay, diese Objekte nennen wir halt Zwergplaneten. Kann man so machen.

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„New Horizons“ ist extrem schnell unterwegs, damit die Mission in überschaubarer Zeit abläuft. Dadurch wird sich die Sonde aber nur wenige Stunden in nächster Nähe zu Pluto befinden. Was ist während dieser kurzen Zeitspanne zu messen?

Die Sonde hat eine ganze Reihe verschiedener Instrumente an Bord, die schon vorher mit den Messungen beginnen. Das sollte man sich nicht zu binär, zu An/Aus vorstellen. Wir versuchen zu verstehen: Aus welchen Materialien besteht er? Welche Struktur hat das Material? Wie ist die Atmosphäre zusammengesetzt?

„New Horizons“ soll nach Pluto eventuell noch weitere Objekte im Kuipergürtel untersuchen. Die Nasa hat von den hunderten bekannten Objekte bislang drei potenzielle Ziele bestimmt. Warum nur so wenige?

Sie müssen halt alle halbwegs auf der Bahn liegen. Den Kuiper Belt oder den Asteroidengürtel stellen viele sich vor wie eine Geröllmasse. Es ist aber nicht wie bei „Star Wars“, wenn ein Planet explodiert. Letztendlich ist da immer noch verdammt viel leerer Raum zwischen den Objekten. Im Wesentlichen ist da erst mal nichts.

Wovon hängt es ab, ob die Nasa grünes Licht für diese noch mal mehrere Jahre dauernde Folgemission geben wird?

Neben der technischen Machbarkeit ist eine Frage, die immer gestellt wird: Stehen die Kosten im Verhältnis zum wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn? Ganz banal. Ich schätze mal: Wenn sich beim Fly-by bahnbrechende Überraschungen zeigen, sind die Karten optimal dafür, dass man sagt: Ja, das ist es wert, jetzt wollen wir mal sehen, ob die anderen genauso sind. Wenn das alles eher so aussieht wie erwartet, dann nimmt die Tendenz eher ab.

Wie historisch bedeutsam ist „New Horizons“?

Jeder Besuch eines Planeten hat uns sehr viel klüger gemacht und einiges an Überraschung gebracht. Da ist durchaus ein großes Potenzial drin. Es ist auch etwas, was man nicht so leicht wiederholen wird. Von der Konzeption einer derartigen Mission bis zum Start gehen schon mal schnell 15 Jahre ins Land, 10 weitere Jahre für den Flug selbst. Wenn man jetzt die totale Überraschung auf Pluto findet und wir noch einmal hinfliegen wollen würden, vergingen noch mal 25 bis 30 Jahre, wenn nicht mehr.

Mit Matthias Steinmetz sprach Nina Jerzy

 

Quelle: n-tv.de

(Bilder: NASA/JPL)

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