„Hidden Figures“: Nach den Sternen greifen

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Theodore Melfis Film, ein Grosserfolg in den USA, erzählt die wahre Geschichte afroamerikanischer Wissenschafterinnen bei der Nasa, die in den sechziger Jahren den Wettlauf ins All möglich machten.


Drei Kolleginnen sind auf dem Weg zur Arbeit. Die Stimmung bleibt auch dann fröhlich, als ihr Auto auf einer Landstrasse liegenbleibt. Dann nähert sich ein weisser Polizist, die Panik ist den Afroamerikanerinnen ins Gesicht geschrieben. Dies sind die Südstaaten Anfang der sechziger Jahre. «Hidden Figures» basiert auf dem gleichnamigen Sachbuch von Margot Lee Shetterly und erzählt die wahre Geschichte dieser Nasa-Wissenschafterinnen, die im Bus hinten zu sitzen hatten, aber ihrem Land beim Wettlauf ins All mit zum Sieg verhalfen.

Katherine Johnson (Taraji P. Henson), 1918 geboren, zeigte schon als kleines Mädchen eine ungewöhnliche Begabung für Zahlen. Die verwitwete Mutter arbeitet mit Dorothy Vaughan (Octavia Spencer), Mary Jackson (Janelle Monáe) und einer Schar afroamerikanischer Mathematikerinnen bei der Nasa. Die Weltraumbehörde muss gerade eine schwere Niederlage verkraften: Die Sowjetunion hat soeben den ersten Menschen in die Erdumlaufbahn geschossen.

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Abteilungsleiter Al Harrison (Kevin Costner) steht unter Zugzwang. Doch keiner seiner Ingenieure vermag die komplexen Formeln für John Glenns Erdumrundung zu lösen. Und der neu angeschaffte IBM-Computer ist noch ein Buch mit sieben Siegeln. Harrison holt Johnson ins Team. Aber nicht nur Weissen vorbehaltene Kaffeekannen und Toiletten stellen den Patriotismus der Mathematikerin und ihrer Kolleginnen vor eine Zerreissprobe. Selbst ihre Ehemänner sind nicht überzeugt davon, dass ihr beruflicher Ehrgeiz kein Firlefanz ist.

Es ist erstaunlich, wie viele grosse Themen Regisseur Theodore Melfi unterbringt: Rassismus, Chauvinismus, Verteilungskämpfe unter benachteiligten Gruppen, Kalter Krieg, der Beginn des digitalen Zeitalters und nicht zuletzt Mathematik auf höchstem Niveau. Das Leben ist komplex, und vielleicht wirkt «Hidden Figures» deshalb nicht überfrachtet.

Der im Dezember 2016 gestorbene John Glenn hatte vor seiner Erdumrundung 1962 darauf bestanden, dass «das Mädchen» (er meinte Johnson) die vom noch unerprobten Computer kalkulierten Parameter für seine Mission überprüfte. Sie berechnete sieben Jahre später auch die Flugbahn für die erste bemannte Mondmission. 2015 verlieh Barack Obama der 97-jährigen Mathematikerin die höchste zivile Ehrung des Landes. «Hidden Figures» trifft einen Nerv beim amerikanischen Publikum. Zwei Wochen lang konnte sich der Film an der Spitze der US-Kinocharts halten.

★★★★☆

Quelle: NZZ.ch / „Neue Zürcher Zeitung“ (2. Februar 2017)

Bilder: Twentieth Century Fox

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