Der Kinderfilm, ein Schlachtfeld: Wie Hollywoods Altersfreigaben Gewalt fördern

SUICIDE SQUAD

Altersfreigaben sind mehr als Entscheidungshilfen für Eltern. Sie können über den finanziellen Erfolg eines Films entscheiden – ein Umstand, der ausgerechnet bei Familienfilmen zu mehr Gewalt führt.


Eine psychopathische Serienmörder-Bande richtet ein Blutbad nach dem anderen an. Der britische Monarch kämpft in «The King’s Speech» gegen sein Stottern. Welcher dieser Filme war in den USA wohl schon für Grundschüler freigegeben? Tatsächlich hatte die Comicverfilmung «Suicide Squad» die niedrige Altersfreigabe PG-13 erhalten. Den Oscar-prämierten Film «The King’s Speech» mit Colin Firth hingegen konnten amerikanische Jugendliche nur in Begleitung eines Erwachsenen schauen. Beispiele wie diese dokumentieren das oft befremdliche System der Altersfreigabe in den USA. Es ist nicht nur Ausdruck anders gelagerter Moralvorstellungen, sondern paradoxerweise ein massgeblicher Grund, warum für ein junges Publikum gedrehte Hollywood-Blockbuster immer brutaler werden.

Die Marketing-Weisheit «Sex sells» ist beim Mainstreamkino eher zu einem «Gewalt verkauft sich» geworden. Insbesondere die so erfolgreichen Comicverfilmungen sind ohne brutale Kampfsequenzen mittlerweile undenkbar. Dennoch erhalten diese Superheldenfilme in den USA Altersfreigaben, die sie als echte Familienunterhaltung deklarieren und jungen Zuschauern den Kinoeintritt erlauben. Tatsächlich fördert das Rating-System sogar die Darstellung von Gewalt – denn die verkauft sich. Und das Familienfilm-Rating PG-13 spielt bei dieser Entwicklung eine entscheidende Rolle.

Zensur und Marktinteresse

Altersfreigaben für Kinofilme bewegen sich im Spannungsfeld zwischen Kinder- und Jugendschutz, Förderung des Kunstverständnisses sowie Brancheninteressen. In der Schweiz wird ein gesamtgesellschaftlicher Ansatz verfolgt. Die Kommission Jugendschutz im Film setzt sich paritätisch aus Behördenvertretern, Branchenexperten sowie unabhängigen Fachleuten zusammen. Die Kommission gibt seit Anfang 2013 schweizweit die Altersempfehlungen für Kinofilme frei (mit Ausnahme der Kantone Tessin und Zürich). Zuvor musste für jeden Neustart in allen Kantonen ein eigenes Zutrittsalter festgelegt werden.

Ganz anders in den USA. Hier wacht der Branchenverband Motion Picture Association of America (MPAA) über die Bestimmung der Altersfreigaben. Diese werden bereits seit 1968 landesweit einheitlich gehandhabt. Grund für die Umstellung waren weniger Sorgen um den Jugendschutz, sondern vielmehr Probleme mit staatlicher sowie selbst betriebener Zensur. Zuvor wachte die MPAA über die Einhaltung des 1930 eingeführten Motion Picture Production Code, der die «Moral» auf der Leinwand bewahren sollte. Ehebruch musste verwerflich und leidenschaftslos erscheinen, Verbrecher hatten stets der gerechten Strafe zugeführt zu werden.

In den 1960er Jahren nahm der Widerstand gegen diese Einschränkung der künstlerischen Freiheit zu. Auf der anderen Seite erschwerten Zensurbehörden in den amerikanischen Gliedstaaten mit ihren unterschiedlichen Vorgaben das Geschäft der Studios und Verleiher. Das einheitliche System der Altersfreigaben war ein Mittel der MPAA, um sich vor regional unterschiedlichen Moralstandards zu schützen, staatlicher Einflussnahme zuvorzukommen und die Verantwortung für möglicherweise nicht altersgerechte Inhalte auf die Eltern zu übertragen.

Anders als in der Schweiz fehlt in den USA das Gegengewicht behördlicher Vertreter oder externer Experten bei der Altersfreigabe. Über die Ratings entscheidet ein Gremium, das laut MPAA aus unabhängigen Eltern besteht. Letztlich bestimmt aber die Interessenvertretung der sechs grossen Hollywoodstudios 20th Century Fox, Paramount Pictures, Sony Pictures, Universal Studios, Walt Disney Studios und Warner Bros., nach welchen Parametern Filminhalte bewertet werden. Da liegt der Verdacht nahe, dass das Rating-System den Wirtschaftsinteressen der Branche zumindest nicht abträglich ist.

Und wenn es heute um die finanziellen Interessen Hollywoods geht, spielen Superheldenfilme eine entscheidende Rolle. 2016 waren fünf der neun Filme mit den weltweit höchsten Einspielergebnissen Comicverfilmungen, auf Platz eins Marvels «Captain America: Civil War». Bei den übrigen Filmen handelte es sich um ausgewiesene Kinderfilme wie den Animations-Hit «Finding Dory». Der 2008 von «Iron Man» eingeleitete Boom bei Comicverfilmungen bietet das perfekte Umfeld für immer brutalere Familienunterhaltung. Schliesslich definieren sich Superhelden insbesondere über ihre Fähigkeiten zur extremen Gewaltausübung.

Für Filmstudios ist dieses Genre wirtschaftlich in vielerlei Hinsicht von besonderem Interesse. Digitale Spezialeffekte und 3-D-Technik, für die an der Kinokasse ein Aufschlag verlangt wird, kommen bei spektakulären Kampfsequenzen besonders gut zur Geltung. Zudem stellt Gewalt auf einem globalisierten Kinomarkt eine Filmsprache dar, die im Gegensatz zu Humor überall leicht verstanden wird. Vor allem aber lässt sich in Comicverfilmungen und Fantasyfilmen sehr viel mehr Gewalt zeigen als in regulären Spielfilmen, ohne die lukrative Freigabe als Familienunterhaltung zu verlieren. Möglich machen dies die besonderen Jugendschutzbestimmungen der MPAA.

Potenzielle Blockbuster aus Hollywood streben fast immer die Freigabe PG-13 an. Sie gewährt theoretisch Besuchern jeden Alters Zutritt und eröffnet damit ein grösstmögliches Publikum. Eltern werden lediglich davor gewarnt, dass einige Aspekte des Films für Kinder unter dreizehn Jahren nicht geeignet sein könnten. PG-13 wurde 1984 auf Anregung des Regisseurs Steven Spielberg eingeführt. Es bietet eine komfortable Nische für Filme, die sich zwar auch an ein kindlich-jugendliches Publikum richten, aber dennoch Gewalt zeigen. Mit dem darauffolgenden Rating R (Restricted) stellt die MPAA erstmals Bedingungen für den Ticketkauf. Zuschauer unter siebzehn Jahren müssen von einem Erwachsenen begleitet werden. Danach folgt nur noch die Altersfreigabe NC-17, die generell den Zutritt für Besucher unter achtzehn Jahren verbietet.

Kinder bekommen kein Schimpfwort zu hören,
sind aber oft Bildern der Gewalt ausgesetzt.

Die Grenzziehung zwischen PG-13 und R wird überraschenderweise sehr stark vom Faktor Fluchen bestimmt. Eines der «härteren, sexuell konnotierten Wörter» darf in einem PG-13-Film nur einmal und lediglich als Schimpfwort benutzt werden, wie es im Regelwerk der MPAA heisst. Im sexuellen Kontext oder bei einem zweiten Gebrauch ist meist automatisch ein R-Rating die Folge. «The King’s Speech» erhielt diese eingeschränkte Freigabe aufgrund einer Szene, in welcher der stotternde Monarch aus therapeutischen Gründen rund ein dutzendmal «Fuck» sagt. Das zahme Biopic landete damit in derselben Kategorie wie das Sadomaso-Erotik-Drama «Fifty Shades of Grey». Während die MPAA ihre Regeln zum Fluchen im Originaltext mit 106 Wörtern darlegt, kommt sie beim Thema Gewalt mit mageren 20 Wörtern aus und lässt dementsprechend viel Raum für Interpretationen. Hier heisst es lediglich: «In einem PG-13-Film kann es Darstellungen von Gewalt geben, aber üblicherweise nicht zugleich realistische sowie extreme oder anhaltende Gewalt.»

«Realistisch» ist hier das Schlüsselwort. Aus Sicht der MPAA leidet die moralische Entwicklung junger Zuschauer offenbar nicht, solange sich vor allem Aliens, übermenschliche Superhelden oder Phantasiewesen gegenseitig massakrieren. So attestierte das Vergabegremium der Videospielverfilmung «Warcraft» zwar «lange Sequenzen heftiger Fantasy-Gewalt», vergab aber dennoch ein PG-13-Rating. Nicht «realistisch» ist Gewalt nach Ansicht der MPAA auch dann, wenn kein (menschliches) Blut fliesst. «Das übliche schamlose, sorgfältig zusammengeschnittene Gemetzel von Millionen», spottete Filmkritiker A. O. Scott in der «New York Times» über das PG-13-Siegel für den Action-Kracher «Pacific Rim».

Nicht erst im Schneideraum haben die Vorstellungen der MPAA vom Jugendschutz Einfluss auf die Arbeit von Filmemachern. Bereits Drehbücher werden ihren Vorgaben entsprechend verfasst, um ein PG-13-Rating zu garantieren. Denn dessen Marktmacht ist enorm. Nicht von ungefähr hat Marvel seit dem Durchbruch mit «Iron Man» darauf geachtet, dass alle Filme die Vorgaben für diese Freigabe erfüllen. Dank dem grösseren Publikum spielen PG-13-Filme laut Untersuchungen im Durchschnitt doppelt so viel Geld ein wie Filme mit der strengeren Freigabe R. Hinzu kommt das riesige Geschäft mit Fan- und Werbeartikeln, das ebenfalls eher auf ein jüngeres Publikum zielt.

Während Kinder und Jugendliche in amerikanischen Kinos also kaum ein Schimpfwort zu hören bekommen, sind sie oft Gewaltdarstellungen ausgesetzt, die mittlerweile sogar jene in strenger bewerteten Filmen übersteigen können. Laut einer im November 2013 im amerikanischen Fachmagazin «Pediatrics» veröffentlichten Studie hat sich die Zahl der Gewaltszenen in Kinofilmen seit 1950 mehr als verdoppelt. Gewalttaten mit Schusswaffen werden heute in PG-13-Filmen mehr als dreimal so häufig gezeigt wie noch 1985, im Jahr des Debüts dieser Altersfreigabe. Damals enthielten PG-13-Filme laut der Untersuchung ungefähr so viele brutale Szenen mit Schusswaffen wie Filme mit den unteren Ratings G und PG. Seit 2009 aber zeigen PG-13-Filme im Vergleich zu Filmen mit R-Rating ebenso viele oder noch mehr dieser Gewaltdarstellungen.

Für die Studie wurden Filme ausgewertet, die viel Geld in die Kinokassen gespült hatten. Somit sagen die Ergebnisse auch viel über den Geschmack des Publikums aus. «Gewalt verkauft sich», sagt der an der Studie beteiligte Forscher Daniel Romer vom Annenberg Public Policy Center an der University of Pennsylvania. Das MPAA-System hilft dabei, schon kleine Kinogänger auf diesen Geschmack zu bringen. Ob Gewalt in Filmen oder Videospielen tatsächlich aggressives Verhalten fördert, darüber wird seit Jahrzehnten diskutiert. Neben vielen anderen Faktoren sind für Kinder aber auch Filme ein Weg, sich die Welt zu erklären. Wenn Helden, mit denen sie sich identifizieren, Gewalt ausüben, hinterlässt dies bei jungen Zuschauern unweigerlich einen positiven Eindruck.

Eine Reform ist gefordert

Das System der Altersfreigabe in den USA besteht in seiner heutigen Form seit 1996. Wiederholte Forderungen nach einer grundlegenden Reform sind bisher folgenlos geblieben. Der einflussreiche Filmkritiker Roger Ebert favorisierte ein Modell, das lediglich zwischen Filmen für Kinder, solchen für Teenager und solchen für Erwachsene unterscheidet. Gewalt, Sex und Fluchen sollten im Kontext des gesamten Films bewertet werden. MPAA-Gründer Jack Valenti habe dies mit dem Argument «Wir können keine Filmkritiker sein» abgelehnt, schrieb Ebert 2010 im «Wall Street Journal».

Ein solcher ganzheitlicher Ansatz wird in der Schweiz verfolgt. Anstatt dass man Strichlisten über vermeintlich schädliche Faktoren führt, soll die Altersempfehlung aussagen, «ab wann ein Zuschauer einen Film verstehen und Freude am Zuschauen haben könnte», wie die Kommission Jugendschutz im Film ihren Auftrag formuliert. Sie gab den Serienmörder-Streifen «Suicide Squad» erst für Jugendliche ab vierzehn Jahren frei. In der Begründung hiess es: «Die Botschaft ist eindeutig: Ein Menschenleben hat keinerlei Wert, und man kann problemlos töten.» Eine Botschaft, mit der im amerikanischen Kino auch bei Kindern viel Geld verdient wird.

Quelle: „Neue Zürcher Zeitung“, Beilage „Literatur und Kunst“, 25. Februar 2017 / NZZ.ch

Bilder: Warner Bros.

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