„Beauty and the Beast“: Disney recycelt sein Erbe

DIE SCHÖNE UND DAS BIEST

Der Disney-Konzern schlachtet sein Erbe aus und adaptiert reihenweise seine Zeichentrick-Klassiker neu als „Realfilm“. Was soll das?


Es kommt Schlag auf Schlag. 2015 hat das Filmstudio Walt Disney Pictures die opulente Realverfilmung seines Zeichentrickfilms «Cinderella» in die Kinos gebracht. 2016 folgte das Remake des geliebten Klassikers «The Jungle Book» mit einem Mowgli aus Fleisch und Blut. Jetzt lässt der Micky-Maus-Konzern «Harry Potter»-Star Emma Watson in «Beauty and the Beast» über die Leinwand tanzen. Das ist aber erst der Anfang. Disney plant in den nächsten Jahren über ein Dutzend Realverfilmungen eigener Animationswerke. Darunter finden sich sogar Geschichten ganz ohne menschliche Helden, zum Beispiel jene um «The Lion King» oder den Zirkuselefanten «Dumbo». Was soll das?

Die Bezeichnung Realverfilmung oder «live action», wie es im Englischen heisst, ist hier weitgehend Etikettenschwindel. «Mit Ausnahme des Kindes ist so ziemlich alles, was man auf der Leinwand sieht, digital», sagte Regisseur Jon Favreau über sein «Jungle Book». Oft trifft es der Ausdruck CGI-Remake (für Computer Generated Imagery) sehr viel besser – das klingt nur furchtbar. Bei «The Lion King» (ebenfalls mit Regisseur Favreau) und «Dumbo» (möglicherweise inszeniert von Tim Burton) dürfte sich das reale Element kaum auf der Leinwand wiederfinden. Besser sieht es da bei der chinesischen Kriegerin in «Mulan» aus. Dieses Remake soll am 2. November 2018 in den USA anlaufen.

DIE SCHÖNE UND DAS BIEST

«Maleficent» mit Angelina Jolie als der dunklen Fee aus «Sleeping Beauty» (1959) hatte sich 2014 überraschend zu einem Kassenschlager entwickelt. Er rangiert in der Liste der Disney-Filme mit den weltweit höchsten Einspielergebnissen auf Platz 13. Schon 2010 hatte das Realfilm-Prequel zum Zeichentrickfilm «Alice in Wonderland» gezeigt, welches Potenzial im konzerneigenen Fundus schlummert. Allerdings war Disney seit dem ersten abendfüllenden Zeichentrickfilm, «Snow White and the Seven Dwarfs» (1937), immer schon eine Geschichten-Recycling-Manufaktur. Märchen, Fabeln, Romane oder selbst eine Wildwasserbahn in Disneyland namens «Pirates of the Caribbean» hielten als Vorlagen für einige der grössten Erfolge des Studios her. Originalgeschichten wie «Aristocats» stellen eher die Ausnahme dar.

Einige der Vorteile für Neuverfilmungen liegen auf der Hand. Die Geschichten haben ihr Erfolgspotenzial bewiesen, ihre Titel sind bekannte «Marken», die die Nachfolger übernehmen können. Nostalgie spielt eine enorme Rolle. Das wohlige Wiedersehen mit alten Bekannten ist auch ein Erfolgsgeheimnis für die «Star Wars»-Renaissance, ebenfalls unter dem Konzerndach von Disney. Die Elterngeneration kann in Kindheitserinnerungen schwelgen, während der Nachwuchs einen für heutige Sehgewohnheiten gedrehten Film erhält. Apropos «Marke»: Eine Realverfilmung bietet den Vorteil, dass mit berühmten Schauspielern geworben werden kann. In diesem Sinne ist Disney mit Emma Watson ein echter Fang gelungen. Dass jedoch Fans von Ewan McGregor auf ihre Kosten kommen, ist zu bezweifeln. Der Schotte verbringt in «Beauty and the Beast» 99,9 Prozent des Films als computeranimierter Kerzenhalter mit starkem französischem Akzent.

DIE SCHÖNE UND DAS BIEST

Die geplanten Fortsetzungen von «Maleficent», «The Jungle Book» und «Alice in Wonderland» sowie die «Pirates of the Caribbean»-Reihe verweisen auf eine weitere Motivation. Ein erfolgreiches Remake kann seinerseits Ausgangspunkt für ein Franchise werden. Und von diesen Filmreihen lebt Disney gerade. Abgesehen vom Kauf des «Star Wars»-Studios Lucasfilm im Jahr 2012 dominiert der Konzern das Kinogeschäft mit der Superhelden-Horde der «Avengers». 2009 erwarb Disney das Comic-Unternehmen Marvel Entertainment – und verdient seitdem mit den Realverfilmungen gezeichneter Vorlagen ein Vermögen. Da liegt es nahe, dieses Prinzip auf den ureigenen Fundus anzuwenden. Die Methode hat einen weiteren, unschätzbaren Vorteil für einen so riesigen Konzern: Sie garantiert Planungssicherheit für die nächsten Jahre.

Doch warum geht Disney gerade jetzt in die Offensive? Ein Grund ist sicherlich die technische Machbarkeit. Mithilfe von Computeranimation lassen sich sprechende Tiere und andere phantastische Elemente inzwischen mehr oder minder befriedigend umsetzen. Warum aber interpretiert Disney seine tierischen Helden nicht gleich als richtige, reale Menschen? Schliesslich basieren die Grosskatzen in «The Lion King» lose auf Figuren aus «Hamlet». Das aber würde die oft auch grausamen Elemente der Geschichten wohl zu real werden lassen und ferner ein Mass an Kreativität erfordern, das der Konzern möglicherweise sich und seinen Zuschauern nicht zutraut.


Kurzkritik „Beauty and the Beast“
Es ist eine «Geschichte, so alt wie die Zeit» – oder zumindest so alt wie der letzte «Cinderella»-Film. Eine junge Frau vom Land gerät durch das Verschwinden ihres geliebten Vaters in eine Notlage, an deren Ende sie mit einem schönen Prinzen belohnt wird. Der wurde in diesem Fall als Strafe für seine Eitelkeit in ein haariges Monster verwandelt. Nur wahre Liebe kann ihn erlösen. 1991 erlebte das seinerzeit kriselnde Filmstudio Disney mit «Beauty and the Beast» eine Renaissance. In Bill Condons neuer Realverfilmung ist Emma Watson als Belle gut besetzt, und die bunte Dorfschar sorgt für grosse Musical-Nummern. Dafür bleibt bei der Übersetzung vom Zeichentrick in die Computeranimation ein Teil der Ausdruckskraft auf der Strecke. Vor allem das Biest wirkt unausgereift. Da helfen auch Las-Vegas-Showeinlagen nicht.

Stattdessen orientiert sich das Studio gerade bei den traditionelleren Stoffen wie «Cinderella» und «Beauty and the Beast» sehr stark an den gezeichneten Originalen. Diese genreübergreifende Werktreue tut der «modernen» Mischung aus Spielfilm und Computeranimation oft nicht gut. So fehlte Regisseur Bill Condon und seinem Kreativteam bei der sprechenden Teekanne aus «Beauty and the Beast» ganz offensichtlich die zündende Idee, wie diese zum Leben erweckt werden könnte. Anstatt sich einen für menschliche Mimik besser geeigneten Haushaltsgegenstand zu suchen, wurde der Kanne einfach ein animiertes Gesicht auf die Seite «gemalt». Als ebenfalls häufig kontraproduktiv erweist sich die Tendenz, zauberhafte Momente der Vorlage nun durch visuellen Bombast kreieren zu wollen.

Die Einspielergebnisse der CGI-Remakes mögen stimmen, doch es bleibt ein schaler Nachgeschmack. Disney verscherbelt einen Teil seines Erbes, und damit sind nicht unbedingt die Geschichten an sich gemeint. Gerade Disney-Klassiker haben bewiesen, dass im Zeichentrick ganz andere Gesetze der Glaubwürdigkeit und der Kinomagie herrschen. Hier geht es eben nicht um Fotorealismus, sondern um emotionalen Realismus. Und der wird in der unbelebten Übersetzungsmatrix des Computers schnell herausgefiltert.

★★★☆☆

Quelle: NZZ.ch / „Neue Zürcher Zeitung“ (16. März 2017)

Bilder: Walt Disney

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