«Logan Lucky» ist Soderberghs eigener Coup

Plakat_LOGAN_LUCKY_DIN_A4_RGB (2)„Neue Zürcher Zeitung“: Steven Soderbergh, zurück in Hollywood, mischt mit seinem unterhaltsamen Ganovenstück die Karten neu – und hat von der Finanzierung bis zum Schnitt beinahe alles selber besorgt.

Steven Soderbergh läutete einst ein goldenes Zeitalter des Independent-Kinos in den USA ein. «Sex, Lies, and Videotape» eroberte 1989 erst das alternative Sundance Film Festival, dann die vornehmen Filmfestspiele in Cannes und schliesslich ein breites Publikum. Das konversationslastige Drama bewies der Branche, dass sich anspruchsvolles, frisches Autorenkino finanziell lohnt.

Für Soderbergh war der Erfolg ein zweischneidiges Schwert. Einerseits bewies er mit der vor Stars nur so strotzenden «Ocean’s»-Reihe, dass sich sein Talent für Stil, Timing und Figuren auch auf ganz grosses Hollywoodkino übertragen lässt. Andererseits blieb der Freigeist stets Aussenseiter, auf der Suche nach Unabhängigkeit im Denken und im Drehen von Filmen. Vor vier Jahren zog sich Soderbergh aus Hollywood zurück.

LOGAN LUCKY

Jetzt ist er wieder da, und das ganz zu seinen eigenen Konditionen. Im Drehbuch der Newcomerin Rebecca Blunt offenbarte sich Soderbergh eine besondere Gelegenheit. Die Geschichte eines tumben Brüderpaars aus den Südstaaten, das mithilfe einer bunt zusammengewürfelten Crew am Rande eines Nascar-Autorennens einen Riesencoup plant, ist quasi das verschwitzte Arbeiterklasse-Gegenstück zum chirurgischen Kasino-Eingriff in «Ocean’s Eleven».

Jimmy Logan (Channing Tatum) war auf dem besten Weg zum Footballstar, als ihn eine Verletzung stoppte. Nun gräbt er unter einer Arena für Autorennen Tunnel. Dabei fällt ihm auf, dass das Geld der Verkaufsstände per Rohrpost in den Safe gelangt. Jimmy braucht dringend Geld, um das Besuchsrecht für seine kleine Tochter zu behalten. Er und sein Bruder Clyde (Adam Driver), ein aus dem Irakkrieg mit nur einer Hand zurückgekehrter Barkeeper, gewinnen den stiernackigen Safeknacker Joe Bang (Daniel Craig) samt dessen Brüdern für den Einbruch unter Tage. Leider sitzt Bang im Knast. Also plant Jimmy als Erstes einen Gefängnisausbruch.

LOGAN LUCKY

Soderbergh, der auch Kamera und Schnitt übernahm, ist wieder die Freude am Filmemachen anzumerken. Er inszeniert die Räuberpistole mit leichter Hand, aber genauem Auge für die Komposition. Seine Hauptfiguren tanzen auf der Linie zur Hinterwäldler-Parodie, überschreiten sie aber selten. Einen letzten, allzu cleveren dramaturgischen Dreh konnte sich Soderbergh nicht verkneifen. Dieser lässt den Film in einen an Erklärungen lastigen Epilog auslaufen.

Dessen ungeachtet, demonstriert «Logan Lucky», warum Soderbergh einst das Independent-Kino und dann Hollywood umkrempelte. Der grosse Grübler hat endlich wieder Spass am Spiel. Das aber ist mittlerweile ernsthafter Natur. Soderbergh wagt mit «Logan Lucky» das Experiment eines wahrhaft unabhängigen Films im Gewand einer Hollywoodproduktion. Stars wie Tatum und Craig verzichteten auf hohe Gagen, weshalb die Finanzierung ausserhalb des Studiosystems zu stemmen war. Dazu trug auch der frühe Verkauf der Streaming-Rechte an Amazon bei. Auf die teuren Dienste eines etablierten Filmverleihs verzichtete Soderbergh ebenso wie auf grosse Werbekampagnen.

Ein Einspielergebnis von nur 15 Millionen Dollar sollte somit reichen, um «Logan Lucky» zu einem finanziellen Erfolg zu machen. Diese Marke hat der Film bereits überschritten. Soderberghs kreative Kontrolle ist aber offenbar weitreichender als vermutet. Die Drehbuchautorin Blunt soll gar nicht existieren. Womöglich hat Soderbergh selbst das Drehbuch verfasst – wahrlich eine Rückkehr nach eigenen Regeln.

★★★★☆

Quelle: NZZ.ch / „Neue Zürcher Zeitung“, 14. September 2017

Bilder: Studiocanal

 

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