Winchester: Helen Mirren geistert durch ein echtes Spukhaus

20170316_WINCHESTER3482R.jpg„Quadratauge“ (Unitymedia): Helen Mirren traut sich was. Die Oscar-Preisträgerin mimt im Horrorfilm Winchester – Das Haus der Verdammten eine Witwe in Schwarz, die böse Geister beschwichtigt. Mehr noch: In diesem Film geht es um ein reales Spukhaus und die Verantwortung der Waffenindustrie.


Zwölf Tage nach dem US-Filmstart von Winchester – Das Haus der Verdammten lief ein 19-Jähriger an seiner ehemaligen Schule Amok. Er erschoss im US-Bundesstaat Florida 17 Menschen mit einem Sturmgewehr. Überlebende des Amoklaufs von Parkland haben mit ihrer leidenschaftlichen Forderung nach schärferen Waffengesetzen und der Kritik an der mächtigen Waffenlobby eine neue Dynamik in die Debatte gebracht.

Der späte Filmstart in Deutschland beschert dem Horrorfilm mit Oscar-Preisträgerin Helen Mirren eine traurige Aktualität. Denn auch hier geht es um die Verantwortung der Waffenindustrie für die Opfer ihrer Verkaufsschlager. Die Mitschuld manifestiert sich in einem geheimnisvollen Spukhaus, das um die Wende zum 20. Jahrhundert in Kalifornien entstand. Sarah Winchester (1840-1922), durch den Tod ihres Mannes zur Mehrheitseignerin des Waffenherstellers geworden, baute hier quasi eine Pension/Vorhölle für die Seelen der durch Winchester-Gewehre getöteten Menschen.

Helen Mirren als Waffenerbin Sarah Winchester

Winchester – Das Haus der Verdammten mit Helen Mirren

Sarah Winchesters Gruselhaus. | © Splendid Film GmbH

Das reale Mysterium dient den Regiebrüdern Peter und Michael Spierig (Jigsaw) als Vorlage. Der Aufsichtsrat der Winchester Repeating Arms Company ist in Sorge. Sarah Winchester scheint den Verstand verloren zu haben und will doch tatsächlich statt Waffen lieber Rollschuhe verkaufen. Winchester liefert ihren Gegnern jede Menge Munition, ihren Geisteszustand in Frage zu stellen. Die steinreiche Witwe lässt Tag und Nacht ihre Villa im staubigen Kaff San José ausbauen. Nach sehr spezifischen Bauplänen, aber scheinbar ohne Sinn und Verstand, werden Räume, Türmchen und Treppen ins Nirgendwo gezimmert.

Die Geschäftsführung engagiert den Psychologen Eric Price (Jason Clarke) damit, die Millionenerbin für geschäftsunfähig zu erklären. Der tief verschuldete Mediziner kann das versprochene Honorar gut gebrauchen. Gewissensbisse scheinen für den Wissenschaftler („Ich glaube an Nichts, das ich nicht sehen oder untersuchen kann“) hier fehl am Platz zu sein. Denn Winchester gibt unumwunden zu: Die Zimmer sind für die Seelen jener Menschen gedacht, die durch ihre Gewehre zu Tode kamen. Mehr noch. Die Räume bilden exakt die Umgebung nach, in der die jeweilige Person ihr Leben verlor.

Winchester – Das Haus der Verdammten mit Helen Mirren

Sarah Winchester plant das nächste Zimmer. | © Splendid Film GmbH

Die Geister sinnen nach Ansicht der Witwe auf Rache und stellen eine reale Gefahr für ihre Familie dar. Das Zimmer soll eine Seele anlocken, so dass Sarah sich für ihre Rolle an dem erlittenen Unrecht entschuldigen kann. Ist der Geist besänftigt, wechselt er befreit ins Jenseits hinüber. Für Price ist das zunächst reiner Humbug. Der Psychiater wird jedoch selbst seit dem Suizid seiner Ehefrau von Dämonen verfolgt. Als ein besonders mächtiger Geist das Horrorhaus in den Grundfesten erschüttert, wird der Arzt zum Gläubigen.

Winchester: Übersinnliches und Emanzipation

Der Großteil der Dreharbeiten fand in der australischen Heimat der Regisseure statt. Einige Szenen aber entstanden am Originalschauplatz. Denn das Winchester-Haus hat seine wechselvolle Geschichte überstanden und ist heute eine beliebte Touristenattraktion. Das unheimliche Gebäude mit seinen 160 Räumen war quasi ein dritter Hauptdarsteller neben Mirren und Clarke (er spielte mit Game-of-Thrones-Star Emilia Clarke in Terminator: Genisys und war neben Andy Serkis in Planet der Affen: Survival zu sehen). Die Oscar-Preisträgerin war fasziniert von der geheimnisumwitterten Geschichte, wie sie in einem Interview des Filmverleihs sagte.

Schon zu ihren Lebzeiten rankten sich viele Mythen um Sarah Winchester und die Errichtung dieses Hauses… In diesem Haus gibt es keine Regeln. Es ist ein Kunstwerk. Es steckt voller Rätsel.

Einst war das Anwesen nur von Ackerflächen umgeben. Heute befindet es sich mitten im Zentrum der Millionenstadt San José. Wer will, kann sogar seine Hochzeit in dem Spukhaus feiern. Die Frontansicht gibt noch wenig Anlass zum Gruseln.

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Sunrise and shadows.

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Innen sorgt die seltsame Architektur schnell für ein mulmiges Gefühl im Magen.

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Don't worry, we have other stairs that go…somewhere.

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Die Spierig-Brüder ließen Teile des Gebäudes detailgetreu im Studio nachbauen.

Es gibt einige sehr seltsame Kuriositäten wie Treppen, die zu Zimmerdecken führen und Türen, hinter denen es zwei Stockwerke hinabgeht. Es ist ein sehr, sehr einzigartiges Haus.

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Shapes abound throughout the mansion.

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Beim Blick auf das Dach wird die verschachtelte Bauweise besonders deutlich.

Die eineiigen Zwillinge würdigten Sarah Winchester aber auch als technische Pionierin, die ihrer Zeit und den damaligen Geschlechterklischees weit voraus gewesen sei.

Sie erfand eine Gegensprechanlage aus Röhren, mit denen man zwischen Zimmern miteinander kommunizieren konnte. Sie war auch sehr erfinderisch, was die Bewässerung des Gartens betraf. Sie war der erste Mensch in San José mit einem Telefon. Ich glaube, ihre Telefonnummer lautete 1234. Ihr Blick war immer auf die Zukunft gerichtet.

Helen Mirren hat Lust auf Neues

Mit der Besetzung einer gefeierten Charakterdarstellerin wie Helen Mirren landeten die Spierig-Brüder einen Coup.

Das Interessante an Helen Mirren ist: Helen hat noch nie einen Spukhaus- oder Horrofilm gemacht. Anfangs dachten wir: Mensch, wäre es nicht toll, eine Schauspielerin wie Helen Mirren für den Film zu bekommen?

Dann aber sagte tatsächlich „das Original“ zu. Die Regisseure konnten mit der starken Hauptfigur bei der gefragten Schauspielerin punkten.

Sie war vor allem von der Frau Sarah Winchester fasziniert, von ihrem Erfindungsreichtum, ihrem fortschrittlichen Geist. Helen konnte sich damit wirklich identifizieren.

Winchester – Das Haus der Verdammten mit Helen Mirren

Helen Mirren in einer ungewohnten Rolle. | © Splendid Film GmbH

Für Mirren selbst – zum deutschen Kinostart übrigens 72 Jahre alt – gab es eigentlich nur einen Nachteil bei dem Projekt.

Es ist niemals schön, den ganzen Tag ein Korsett zu tragen. Aber ich habe das schon oft in meinem Leben getan.

Die Britin stammt zwar aus bescheidenen Verhältnissen. Sie hat auch nie eine Schauspielschule besucht. Ihr Talent und ihre aristokratische Ausstrahlung aber verhalfen Mirren zum internationalen Durchbruch. Als leidgeprüfte Königin war sie1995 mit dem Film King George – Ein Königreich für mehr Verstand erstmals für einen Oscar nominiert. 2007 gewann Mirren ihren bislang einzigen Academy Award für die Verkörperung von Elizabeth II. in Die Queen.

Winchester – Das Haus der Verdammten mit Helen Mirren

Helen Mirren ist auf starke Frauen spezialisiert. | © Splendid Film GmbH

Anstatt sich aber auf Kostümfilme zu beschränken, stellte die dank Ritterordens zur Dame aufgestiegene Mirren immer wieder in ihrer Karriere Risikobereitschaft und Humor unter Beweis. In R.E.D.: Älter. Härter. Besser (2010) überraschte sie als schießwütige Auftragskillerin. In der US-Kultserie „Glee“ von Ryan Murphy verlieh sie der vom Down-Syndrom betroffenen Cheerleaderin Becky eine innere Stimme mit unerwartet britischem Akzent. Und als Klatschkolumnistin, die sich an der Kommunistenhatz in Hollywood während der Mc-Carthy-Ära beteiligt, wagte Mirren in Trumbo (2015) den Wechsel ins Schurkenfach.

Für den Online-Anbieter MasterClass hat Mirren sogar die Rolle der Schauspiellehrerin übernommen. In 28 Video-Lektionen teilt die Oscar-Preisträgerin und Shakespeare-Mimin mit Abonnenten ihre Berufsgeheimnisse. Eines davon lautet: Probe niemals vor dem Spiegel.

Sie tun genau das Gegenteil davon, warum es bei der Schauspielerei geht. Schauspielerei dreht sich ausschließlich darum, was im Inneren geschieht.

Spierig-Brüder: Von Niedersachsen nach Hollywood

Trotz einer Oscar-Preisträgerin in der Hauptrolle hat Winchester seinen Regisseuren in gewisser Weise ein Karrieretief beschert. Das Kritiker-Barometer Rotten Tomatoes errechnete kurz vor dem deutschen Kinostart für den Film eine Zustimmungsrate von gerade einmal rund 15 Prozent. Dabei hatte alles so viel versprechend angefangen. Michael und Peter Spierig feierten 2010 ihren internationalen Durchbruch mit dem Vampirfilm Daybreakers, in dem Ethan Hawke und Willem Dafoe die Hauptrollen spielten.

Winchester – Das Haus der Verdammten mit Helen Mirren

Peter und Michael Spierig sind gebürtige Deutsche. | © Splendid Film GmbH

Die Regisseure konnten Hawke vier Jahre später auch für ihren Science-Fiction-Thriller Predestination gewinnen. Er spielte – in bester Minority-Report-Manier – einen Zeitreise-Agenten, der in der Vergangenheit schwere Verbrechen verhindert. Mit 84 Prozent Zustimmungsrate bei Rotten Tomatoes kam dieser Film unter allen Werken der Regiebrüder bei Journalisten und Bloggern am besten an. Die eineiigen Zwillinge wurden übrigens 1976 im niedersächsischen Buchholz geboren. Vier Jahre später zogen sie mit ihren Eltern nach Australien.

Auf wenig Gegenliebe stieß 2017 Jigsaw. Auch die Zuschauer fanden offensichtlich wenig Gefallen an dem achten Teil der Torture-Porn-Reihe Saw. Jigsaw fuhr in der Serie das zweitschlechteste Einspielergebnis ein.

Tatsächlich solltest du trotz der prominenten Besetzung nicht allzu viel von Winchester erwarten. Der Grusel beschränkt sich auf altbekannte Muster des Genres, in denen Erschrecken oft mit Horror verwechselt wird. Nur, weil dich eine plötzlich eingeblendete Fratze zusammenzucken lässt, kriegst du es noch lange nicht mit der Angst zu tun. Insbesondere der von dem mächtigen Rachegeist besessene kleine Neffe der Witwe ist einfach ein Klischee zu viel. Und die Auseinandersetzung mit der Geisterwelt erinnert eher an billigen Hokuspokus vom Jahrmarkt.

Winchester: Der reale Horror

Winchester – Das Haus der Verdammten mit Helen Mirren

Dieser Junge sorgt für Ärger. | © Splendid Film GmbH

Winchester hat aber auch starke Momente. In einer Szene begegnet der Psychiater einer Reihe von Seelen, die aus ihren verriegelten Zimmern entkommen sind. Ureinwohner sind darunter und Sklaven. „The Gun That Won The West“ (Das Gewehr, das den Westen erobert hat) – mit diesem martialischem Spruch warb die Winchester Repeating Arms Company einst für ihre Repetiergewehre.

Die Waffen konnten bis zu 60 Schuss pro Minute abfeuern, während die Gegner oft immer noch nach nur einem Schuss aufwändig nachladen mussten. Der überlegenen Feuerkraft der Winchester-Kunden mussten sich im Bürgerkrieg die Südstaaten und später Apachen, Sioux und Cherokee beugen. Die Gewehre lassen sich ebenfalls im Winchester-Spukhaus besichtigen.

Diese Verweise auf die enge Verflechtung von Waffengewalt mit der Geschichte der Vereinigten Staaten sind leider nur flüchtig. Eine eindeutigere Auseinandersetzung mit dem Thema hätte den Film aufgewertet. So aber bleibt unklar, ob bestimmte Aspekte Zufall, bloßes erzählerisches Instrument oder doch mehr sind. Am Ende – damit ist nicht zu viel verraten – war es ausgerechnet ein Amoklauf, der den mächtigen Geist auf den Winchester-Clan los ließ. Auch der Umstand, dass Sarah einen Raum mit Waffen dekoriert, die schließlich gegen sie verwendet werden, könnte als Kommentar zur Situation in den USA gelesen werden.

Fazit

Letztlich will Winchester nicht mehr sein als gute Horrorunterhaltung und verfehlt auch deshalb knapp das Ziel. Helen Mirren allein sowie die faszinierende Hintergrundgeschichte  trotz aller Oberflächlichkeit lohnen den Kinobesuch dennoch.

Quelle: Quadratauge (12. März 2018)

 

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