Die Emanzipation der Bilder

IBSCT_01405_R„Neue Zürcher Zeitung“: Es spricht viel für den bewusst ignoranten Gang ins Kino. Denn gute Regisseure verfilmen nicht, sie adaptieren – und feiern, wie im Falle der neuen Verfilmung von James Baldwin, damit erst recht den Autor.


An dieser Stelle ließe sich viel über James Baldwin erzählen. Von der bewegten Biografie des 1924 in Harlem geborenen Schriftstellers. Über seine führende Rolle in der Bürgerrechtsbewegung, berühmte Weggefährten, die großen Kämpfe seines Lebens und wie die heute immer noch Generationen von Menschen ins Unglück stürzen. Aber all das kann warten, bis man „If Beale Street Could Talk“ gesehen hat.

Diese Adaption von Baldwins Roman erzählt bereits viel über den Autor, auch wenn es vordergründig gar nicht um ihn geht. Das liegt neben der autobiografisch gefärbten Erzählstimme vor allem an der Ehrerbietung, die Regisseur Barry Jenkins Baldwin entgegenbringt. Sein Tribut endet nicht im Kniefall und schon gar nicht im Staub. Er wagt es, seinem Idol auf Augenhöhe zu begegnen und ehrt Baldwin auf die bestmögliche Weise: Mit Kunst, die auf eigenen Beinen steht.

Plädoyer für den „ignoranten“ Kinogang

Gutes Kino erfordert keine Vorkenntnisse. Beim Kinogang ist die Redewendung „Ignorance is Blissbliss“ sogar ein hervorragendes Motto. Wer die literarische Vorlage kennt, betritt den Kinosaal zwangsläufig mit einer ausgeprägten Erwartungshaltung. Sie wirkt wie ein Schwimmring, hält den Zuschauer im Hier und Jetzt, in kritischer Zwiesprache mit sich selbst. Das wunderbare Hinabgleiten in eine Geschichte gerät zu einem Kraftakt. Gute Regisseure helfen, indem sie Mut beweisen und die Vorlage mit den Mitteln des Films in etwas Eigenständiges transformieren. Weniger ambitionierte Filmemacher geben sich mit einer Art cineastischem Malen nach Zahlen zufrieden. Manchmal ist der gute Wille da, aus Schundliteratur anständiges Kino zu machen – wäre da nur nicht die Autorin.

Wer 2015 völlig ahnungslos in eine Vorstellung von „Fifty Shades of Grey“ gestolpert ist, dürfte sich schnell gefragt haben, wie es dieser Film überhaupt ins Kino geschafft hat. Die krude Geschichte einer jungfräulichen Studentin, die das Herz eines umwerfend gutaussehenden Sadomaso-Milliardärs erobert, wurde absolut werkgetreu umgesetzt und dadurch nur noch sinnentleerter. Unbeholfene Sätze lassen sich beim Lesen überfliegen oder aber mit Bildern und Fantasien füllen. Dadurch verlieren ihre harschen Kanten. Gepresst in hölzernen Dialog ist für solches mentale Weichzeichnen leider kein Platz.

Der Sündenfall

„Fifty Shades“ geriet zum Sündenfall der Romanverfilmungen. Der Film ist ein Paradebeispiel dafür, welch unterschiedliche Gesetze beim geschriebenen und gesprochenen Wort gelten. Kluge Schriftsteller sind sich dieser Tatsache bewusst. J.K. Rowling weist alle Vermutungen weit von sich, sie habe jemals einen Regisseur der „Harry Potter“-Verfilmungen ausgesucht oder abgelehnt. „Fifty Shades“-Bestsellerautorin EL James hingegen bestand auf absoluter Kontrolle und bekam sie dank der astronomischen Verkaufszahlen ihrer Romane. Die Kino-Dilettantin machte die Dreharbeiten für Regisseurin Sam Taylor-Johnson zum Fegefeuer der Eitelkeiten. „Man kann nicht einfach das Buch auf die Leinwand packen“, beschrieb ein Insider im „Hollywood Reporter“ die Produktion. Das Ergebnis war ein gefesselter, aber leider nicht geknebelter Film, der weder Leser noch Kinogänger befriedigte.

Taylor-Johnson hatte keine Ahnung, auf was sie sich da eingelassen hatte. Diese Allmacht des Romanautors war bis dato in Hollywood nahezu unbekannt. Ungleich einfacher hatte es ihre Vorgängerin Catherine Hardwicke mit dem ersten „Twilight“-Film. Der Vampirroman, der die Inspiration zu „Fifty Shades“ lieferte, geriet zwar ebenfalls zum Literaturphänomen. Dass Verfilmungen solcher Bücher aber automatisch zu Blockbustern werden, war Verlagen und Studios noch nicht bewusst. So geriet die Verfilmung des globalen Bestsellers quasi zum Independent-Film, bei dem die Regisseurin weitgehend freie Hand hatte. Sie verwandelte „Twilight“ (2008) in einen gelungenen Film, der seinerseits unter Fans weltweit eine Hysterie entfachte, die fast schon beängstigende Ausmaße annahm. Bereits bei der Fortsetzung zog das Studio die Zügel an und Hardwicke wandte sich lieber anderen Projekten zu.

Von Klonen und Meistern

Manchmal geraten Literaturverfilmungen so perfekt, dass man sich fragen könnte, wozu die Welt diesen Klon überhaupt gebraucht hat. Ein Beispiel ist David Finchers „Gone Girl“ (2014). Vielleicht passte die zynische Geschichte einer Psychopathin, die selbst vor Suizid nicht zurückschreckt, um ihren Ehemann als Mörder dastehen zu lassen, einfach zu gut zu Finchers zunehmend frostigen Regiestil. Jedenfalls verfilmte der Kultregisseur Gillian Flynns Bestseller von der ersten Einstellung bis zur letzten Szene werkgetreu. Leser des Romans hatten von dem Film nichts Neues zu erwarten, eine anschließende Lektüre des Buchs führte zu keinem Aha-Moment. Buch und Film löschten einander quasi aus.

In was für einer anderen Liga spielte da „Fight Club“. Auch damals begann Fincher seinen Film werkgetreu mit der Anfangsszene des Romans. Zuvor jagte er aber den Zuschauer in einer brillanten Titelsequenz über Nervenbahnen und Muskelstränge. Der wilde Ritt endete auf dem Lauf einer Pistole, die in den Mund des Protagonisten gerammt war. Selten hat ein Film in der ersten Minute den finalen Clou vorweggenommen. Denn – Spoiler Alert aus dem Jahr 1999 – ein Großteil der Handlung, inklusive Brad Pitts Figur, spielt sich ausschließlich im Gehirn von Edward Nortons Erzähler ab. Auch hier waren ignorante Kinogänger klar im Vorteil. Denn was wäre „Fight Club“ ohne die Offenbarung am Ende?

Fast nebenbei weckte die selbstbewusste Adaption Neugierde auf den Schöpfer der Geschichte. Der Film bescherte Chuck Palahniuk viele neue Leser. Das wird nun auch mit „If Beale Street Could Talk“ und James Baldwin geschehen. Denn Barry Jenkins ehrt den Schriftsteller, indem er ihn kopiert. Der Regisseur und Drehbuchautor hatte anfangs versucht, den für die „Black Lives Matter“- und „Me Too“-Debatten so bedeutenden Roman möglichst vollständig auf die Leinwand zu transferieren. Das führte ihn schnell in eine künstlerische Sackgasse. Die Erkenntnis „Das Buch ist das Buch und der Film ist der Film“ habe die Erlösung gebracht, stellte der Oscar-Preisträger im Gespräch mit „Indiewire“ fest. „Ab da war ich frei, den Film zu machen, den ich wollte.“

Quelle:
NZZ.ch / „Neue Zürcher Zeitung“ (14. Februar 2019)

Bild:
Tatum Mangus Annapurna Pictures DCM

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