Das Studiosystem erlebt ein Comeback

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Bild: Nina Jerzy © alle Rechte vorbehalten

„Neue Zürcher Zeitung“: Nach der goldenen Ära Hollywoods schwand die Allmacht der Studiobosse. Nun aber werden Stars wieder austauschbar. Die echten Ikonen sind die Figuren – und ihre Rechteinhaber, die Studios.


1937 gehörten Laurel und Hardy zu den grössten Stars in Hollywood. Hofiert wurden sie deshalb noch lange nicht. Im Gegenteil: Studioboss Hal Roach zögert am Anfang des Films «Stan & Ollie» keinen Moment, als der Engländer Laurel – das Hirn hinter den meisten Gags des Duos – mehr Gage verlangt. Im Gegensatz zu Charlie Chaplin besassen Laurel und Hardy nicht die Rechte an ihren Werken. Sie waren wie viele Stars ihrer Zeit nur angestellt.

Also wird der schlanke Komiker in «Stan & Ollie» zunächst kurzerhand durch einen Kollegen von zumindest körperlich ähnlicher Statur ersetzt. Der Star als austauschbare Ware – dieses Prinzip des mächtigen Studiosystems von einst war lange Zeit passé. Derzeit erlebt es aber ein Comeback.

Studiobosse als Herrscher

Das goldene Zeitalter Hollywoods brachte ab den 1920er Jahren die grössten Filmstars der Geschichte hervor. Schauspiellegenden wie Judy Garland, Marilyn Monroe, Cary Grant oder James Stewart vereinten Talent mit Glamour und dem gewissen Extra, das sie weltweit zu Botschaftern des milliardenschweren US-Filmgeschäfts machte. Die echten Herrscher aber waren die Studiobosse. Sie machten Stars und beendeten Karrieren: Hauptsache, die Traumfabrik produzierte am Fliessband Erfolg nach Erfolg. Für das Individuum war dabei trotz dem Starkult paradoxerweise kaum Platz.

Studios wie Warner Bros., Universal oder Paramount waren damals riesige Betriebe, in denen der komplette Filmproduktionsbetrieb bis hin zur Vorführung in firmeneigenen Kinos konzentriert war. Diese Kontrolle über die Branche – gepaart mit dem üblichen Sexismus der Zeit – verschaffte Studiobossen eine heute kaum noch vorstellbare Allmacht. Sie formten die vom Glitzer Hollywoods nach Kalifornien gelockten Talente nach Belieben um. Das begann beim Namen und der ethnischen Herkunft (aus Margarita Cansino wurde Rita Hayworth, aus Issur Danielovitch Demsky wurde Kirk Douglas) – und reichte manchmal viel weiter.

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Bild: Nina Jerzy © alle Rechte vorbehalte

Die Studios steuerten nicht nur die Karrieren «ihrer Stars». Sie kontrollierten auch deren Privatleben. Dazu trugen sogenannte Morality Clauses in den Verträgen bei, die vor allem für Frauen galten. Sie hatten stets «ladylike» und den Moralvorstellungen ihrer Bosse gemäss aufzutreten. Das goldene Zeitalter Hollywoods war zudem überschattet von sexueller Gewalt. Nicht erst Harvey Weinstein, einst einer der mächtigsten Männer der Branche, sah Schauspielerinnen als Freiwild an und nutzte seinen Einfluss, um Karrieren zu zerstören. Schon früher hatten selbst die berühmtesten Frauen Hollywoods den Studiobossen «zu gefallen». So bestand MGM-Boss Louis B. Mayer darauf, dass die junge Judy Garland auf seinem Schoss sass.

Manche Stars, darunter Bette Davis und Marilyn Monroe, haben es auf einen Machtkampf mit den Hollywood-Bossen ankommen lassen; zum Teil mit Erfolg. Charlie Chaplin (dessen Zweitbesetzung Stan Laurel einst war) gründete 1919 mit Gleichgesinnten sein eigenes Studio. United Artists sollte es den Künstlern erlauben, die Kontrolle über ihre Werke zu behalten. Doch auch United Artists war nicht immun gegen einen Richterspruch, der die Allmacht der Studios beenden half.

Supreme Court sorgt für mehr Wettbewerb

Der Oberste Gerichtshof der USA läutete 1948 in Hollywood eine neue Ära ein. Das sogenannte Paramount-Urteil sorgte dafür, dass sich die Studios von ihren lukrativen Kinoketten trennen mussten. Das veränderte grundlegend die Art, wie Filme gemacht wurden. Der Siegeszug des Fernsehens tat ein Übriges, den eisernen Griff der Filmstudios über Schauspieler zu brechen. In der Folge wuchs die Macht von Regisseuren, Drehbuchautoren und eben auch Darstellern.

Die spannendsten Geschichten und angesagtesten Stars wurden nicht länger «hausgemacht». Sie mussten angeworben werden, wollte ein Studio gegen die Konkurrenz bestehen. Moderne Kameratechnik befreite Filmemacher von der aufwendigen Infrastruktur der Studios. Auch das gab dem Independent-Film Auftrieb, der sich bereits im Namen über die Distanz zum Studiosystem definierte. Die unabhängigen Filmemacher kamen notgedrungen mit kleineren Budgets aus. Dafür genossen sie eine kreative Freiheit, die das Kino mit völlig neuen Geschichten bereicherte, von «Easy Rider» (1969) bis «Sex, Lies, and Videotape» (1989).

Nach dem politisch relevanten Autorenkino kam die Zeit der neuen Hollywoodstars. Schauspieler wie Tom Hanks, Meg Ryan, Tom Cruise und Julia Roberts garantierten in den 1980er und 1990er Jahren nahezu, dass jeder ihrer Filme ein Kassenhit wurde. Dieses Mal waren die Stars tatsächlich die mächtigsten Menschen in Hollywood, was sich in neuen Rekordgagen niederschlug. Doch auch diese Phase ging vorüber.

Dank Klatschpresse und Social Media sind Stars nur noch Menschen wie du und ich. Die wahren «Ikonen» des Kinos sind mittlerweile die Figuren, allen voran die Comic-Superhelden. Wer sie kontrolliert, kontrolliert Hollywood. Fast könnte man von einem zweiten goldenen Zeitalter sprechen. Hollywood spielt dabei aber eine eher untergeordnete Rolle.

Das Comeback des Studios

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Bild: Nina Jerzy (alle Rechte vorbehalten)

Hollywood ist längst mehr Marke denn konkrete Heimat der US-Filmindustrie. In diesem Teil von Los Angeles unterhält nur noch Paramount ein aktives Studiogelände. Wer hier durch Hallen und Kulissen streift, spürt etwas von dem alten Zauber der Traumfabrik. Aber der ist auch heute weitgehend Illusion. Paramount dreht vor allem fürs Fernsehen, auch Netflix-Shows entstehen auf dem historischen Gelände.

Der Streaming-Gigant verändert neben dem Konkurrenten Amazon gerade grundlegend, wie in Hollywood produziert wird. Dabei erinnern die digitalen Anbieter an die allmächtigen Studios mit ihren eigenen Kinos von einst. Auch sie bringen das Publikum quasi mit und müssen dessen Appetit mit einer Fülle neuer Angebote befriedigen.

Die sich abzeichnende Dominanz von Netflix und Amazon wurde gefördert durch die seit Jahren grassierende Krise in Hollywood. Für die globalen Kassenhits sorgt fast nur noch ein einziger Player: Disney, die Heimat von «Star Wars» und den «Avengers». Gegenwärtig stammen vier der zehn erfolgreichsten Filme der Welt aus dem Kinouniversum von Marvel. Mit dem derzeitigen Mega-Blockbuster «Avengers: Endgame» wird die Zahl auf fünf steigen. Der Film markiert das Ende einer Ära – auch für das Prinzip «Hollywoodstar».

Mit Robert Downey Jr. feiert der grösste Star des Marvel-Kinouniversums in «Endgame» seinen Abschied. Was früher eine Sensation gewesen wäre, findet heute mehr auf Fussnotenniveau statt. Die Zuschauer sind den Reboot-Modus längst gewohnt. In Comics ist es ganz normal, dass neue Figuren in alte Superheldenkostüme schlüpfen. Auch das macht das Genre für Hollywood so interessant. Werden Schauspieler zu alt (oder zu anspruchsvoll), können sie ersetzt werden, ohne dass die Figur verschwinden muss. Der Star ist wieder austauschbar, das Studio der wahre Herrscher in Hollywood.

 


Kurzkritik: «Stan & Ollie» ★★★★☆

Über Stan Laurel (Steve Coogan) und Oliver Hardy (John C. Reilly) lacht 1937 die ganze Welt. Laurel aber will mehr als Ruhm: Das Hirn des Komikduos verlangt eine gerechte Gage. Als der Studioboss mauert, kündigt der Engländer. Hardy aber macht zunächst mit einem anderen dünnen Partner weiter. 16 Jahre später tingelt das fast vergessene Duo durch das Vereinigte Königreich. Vor leeren Sälen und in schäbigen Pensionen kommt alter Argwohn wieder hoch – aber auch die Liebe, die diese zwei ungleichen Männer verbindet.

Der dämliche deutschsprachige Name «Dick und Doof» wollte Laurel und Hardy auf flache Witze reduzieren. Fans der Slapstick-Legenden wissen es besser. Regisseur Jon S. Baird («Filth») konzentriert sich in einem wunderbaren Film klugerweise auf eine Momentaufnahme. Sie erlaubt es, die Männer hinter den Figuren zu offenbaren – samt einer Schauspielkunst, die den Namen wirklich verdient hat.

Quellen: „Neue Zürcher Zeitung“ (9. Mai 2019), NZZ.ch / NZZ.ch

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