Interview mit „Boyhood“-Regisseur Richard Linklater: „Du musst manipulativ sein.“

Richard Linklater Flickr

Am Anfang von „Boyhood“ ist Hauptdarsteller Ellar Coltrane sechs Jahre alt, am Ende des Films schaut ein 18-Jähriger von der Leinwand herab. Von 2002 bis 2013 hatten Linklater und sein Team jedes Jahr einige Tage lang gefilmt, um die Geschichte von Mason und seinen geschiedenen Eltern (Patricia Arquette und Ethan Hawke) fortzuführen.

Herausgekommen ist ein wahres Kinojuwel, das dem Filmemacher bei der diesjährigen Berlinale den Silbernen Bären für die beste Regie eingebracht hat. Wir haben Linklater telefonisch in seiner Heimatstadt Austin, Texas, erreicht. Leider wurde erst wenige Tage darauf bekannt, dass der Regisseur den verurteilten Mörder Bernie Tiede, den er in seinem Film „Bernie“ porträtiert hatte, über seiner Garage wohnen lässt. Dafür verriet uns Linklater, dass er nach dem Abschluss seiner Langzeit-Trilogie mit „Before Midnight“ selbst Superhelden-Blockbustern grundsätzlich nicht abgeneigt ist.

n-tv.de: Was für ein Film schwebte Ihnen vor, als Sie mit dem Projekt begannen?

Richard Linklater: Verstehen Sie das nicht falsch, aber ich wollte exakt diesen Film machen. Ich wollte etwas über das Erwachsenwerden sagen, auf eine neue Art von dieser Phase erzählen, die wir alle durchlebt haben.

Sie sind also ein derartiges Genie, dass Sie Ihren Plan komplett durchziehen konnten?

Der Ton des Films ist so, wie ich ihn mir vorgestellt hatte. Es war alles ziemlich durchgeplant. Es sollte die bestmögliche Mischung sein aus höchst durchstrukturiert einerseits und sehr locker andererseits.

Aber wie konnten Sie sicher sein, dass Ihr Hauptdarsteller Ellar Coltrane später überhaupt noch schauspielern könnte?

Ich habe definitiv Glück gehabt. Er ist als junger Mann ebenso nachdenklich, geheimnisvoll und interessant, wie er mit sechs Jahren war. Es war ein großes Risiko. Ich habe aber darauf vertraut, dass es hinhauen würde oder ich es schon irgendwie hinbiege.

Ihre Tochter Lorelei spielt Masons Schwester. Wurde die Zusammenarbeit mit den Jahren schwieriger?

Es hat auf gewisse Weise unsere Beziehung widergespiegelt. Sie war dieser freche Fratz und dann wurde sie mürrischer. Also die ganz normalen Phasen des Erwachsenwerdens.

Irgendwann wollte sie ja sogar, dass Sie sie aus dem Film schreiben.

Ja, wie diese Schauspieler in Fernsehserien, die keine Lust mehr haben und meinen: „Lass meine Figur doch einfach sterben!“ Ich sagte ihr, dass das etwas zu dramatisch wäre und dass sie sich damit abfinden muss. Aber dann hat sie sich auch wieder auf die Dreharbeiten gefreut. Für sie war es wie Ferienlager.

Es passieren durchaus schlimme Dinge in dem Film, sie geschehen aber eher beiläufig.

Mir war es immer sehr wichtig, dass der Blickwinkel des Jungen vorherrscht. Auf diese Weise betrachtet man ja seine Kindheit: Die schlimmen Sachen werden hoffentlich separat gehalten. Letzten Endes wollte ich, dass der Film sich wie eine Erinnerung anfühlt. Denken Sie dran: Als wir gedreht haben, haben wir einen zeitgenössischen Film gemacht. Wir mussten nichts ändern, weil wir in der Gegenwart gedreht haben. Erst im Rückblick wurde es zu einer Art Kostümfilm.

boyhoodSie haben jedes Jahr ungefähr drei Tage gedreht?

Ab und an haben wir auch nur einen Tag gefilmt. Manchmal lagen bloß neun Monate dazwischen, dann auch mal anderthalb Jahre.

Ganz ehrlich: Standen Sie nicht irgendwann mal kurz davor, das Projekt abzubrechen?

Ich hab diesen Gedanken nicht mal ansatzweise aufkommen lassen. Man ist eine Verpflichtung eingegangen und muss es durchziehen – wie Kinder kriegen. Mit den Jahren wurde es schwieriger und fühlte sich mehr wie eine große Sache an. In den letzten fünf Jahren ist das Projekt aber wirklich wieder in Fahrt gekommen und hat eine einzigartige Energie entwickelt.

Beruflich herrscht bei Ihnen ja auch mit dem Ende der „Before“-Trilogie Tabula rasa. Wie empfinden Sie das?

Ich fühle mich auf gewisse Weise frei. Es ist sehr seltsam, dass diese beiden langwierigen Projekte nicht mehr Teil meines Lebens sind. Aber irgendwie ist es auch toll. Ich bin glücklich, wie die Filme geworden sind. Es gibt andere verrückte Sachen, die ich versuche anzustoßen.

In welche Richtung möchten Sie gehen?

Was auch immer ich finanziert bekomme. Es gibt noch nichts Konkretes.

Oder wollen Sie vielleicht einfach mal ausspannen und durchatmen?

Ach, dafür ist immer genug Zeit.

Wollen Ellar und Ihre Tochter dem Filmgeschäft treu bleiben?

Beide sind gute Schauspieler. Ich bin aber nicht sicher, ob sie von ihrer Persönlichkeit her dafür geeignet sind, es als Beruf auszuüben. Schauspielerei muss eine Berufung sein, man erfährt so viel Ablehnung. Sie sind aber beide auf andere Weise Künstler: Lorelei ist eine sehr gute Malerin und studiert an einer Kunsthochschule. Und Ellar hat auch viel um die Ohren. Ich bin gespannt, was passiert.

Talent allein ist also nicht ausreichend?

Viele Menschen haben eine Begabung, aber man braucht wirklich die richtige Einstellung, um etwas als Beruf auszuüben. Ich habe immer gedacht, ich sein ein Autor. Ich habe eine Weile gebraucht, um festzustellen, dass ich eigentlich ein Filmemacher bin. Meine speziellen Fähigkeiten, wie mein Hirn funktioniert, meine Persönlichkeit: dieser Mix befähigt mich dazu, Regisseur zu sein. Ich hatte auch andere Interessen, aber es fehlte mir da diese Kombination aus guten und schlechten Eigenschaften.

Was sind denn die negativen Seiten, die einen erfolgreichen Regisseur auszeichnen?

Schlechte Eigenschaften sind wichtig. Du musst manipulativ sein, wie subtil auch immer du das anstellst. Du brauchst vermutlich ein ziemlich großes Ego, um die Zeit von derart vielen Leuten in Anspruch zu nehmen und davon überzeugt zu sein, dass deine Arbeit den Aufwand auch wert ist.

Ganz besonders, wenn man einen Film über zwölf Jahre dreht. Sind Sie jemals nachts schweißgebadet hochgeschreckt und haben sich gefragt, was zum Teufel Sie da eigentlich treiben?

Genau das hab ich niemals getan und das ist eine meiner schlechten Eigenschaften. Ich bin in diesem Bereich derart selbstsicher, dass mir das nicht passiert. Ich wünschte, so ginge es mir auch in anderen Bereichen meines Lebens. (lacht)

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„Boyhood“ erscheint als natürliche Weiterentwicklung der „Before“-Filme.

Ja, es ist wirklich ein Schwesterprojekt.

Sie bleiben hier viel näher an den Figuren dran. Der nächste Schritt wäre dann wohl eine Langzeit-Dokumentation über wahre Menschen.

Das interessiert mich nicht. Die Fortführung wäre, dass Mason nach Europa fährt und im Zug ein Mädchen kennenlernt.

Und dann bringt sein Vater (Ethan Hawke) seine von Julie Delpy gespielte neue Freundin mit nach Hause.

(Lacht) Das wäre dann wirklich ein Teufelskreis. Aber ganz im Ernst: Ich habe zwei der „Before“-Filme während der zwölf „Boyhood“-Jahre gedreht. Sich diesem Langzeitprojekt verschrieben zu haben, hat Ethan und mich ermutigt, die „Before“-Geschichte weiterzuspinnen. Es gab da definitiv einen Einfluss.

Besteht eine Chance auf eine Fortsetzung von „Boyhood“ oder einen vierten „Before“-Film?

Ich habe keine Ahnung. Zum jetzigen Zeitpunkt bin ich glücklich, erst einmal nichts mit diesen Figuren zu tun zu haben.

Sie würden das aber nicht kategorisch ausschließen?

In gewisser Weise bin ich mit „Boyhood“ jetzt an der Stelle, wo ich unmittelbar nach „Before Sunrise“ war. Damals hatte ich auch nicht gedacht, dass ich zu der Geschichte zurückkehren würde. Man kann nie sicher sein.

Fällt es Ihnen leicht, eine Geschichte derart natürlich und unaufgeregt erscheinen zu lassen oder ist das schwere Arbeit für Sie?

Dieser Eindruck ist hart zu erreichen und bleibt dennoch unbemerkt – was irgendwie mein Ziel ist. Letztlich ist aber nichts Natürliches daran, es ist alles künstlich.

Sie könnten sich wohl nicht vorstellen, eine große Comicbuch-Verfilmung zu inszenieren?

Ich könnte das machen.

Tatsächlich?

Ganz ehrlich: Eher könnte ich so eine Art von Film drehen, als Regisseure von derartigen Blockbustern einen Film wie diesen hier machen könnten.

Sie würden also ernsthaft darüber nachdenken, sollte man Ihnen den nächsten Superman- oder Transformers-Film antragen?

Mir sind im Laufe meiner Karriere einige Projekte angeboten worden. Ich habe in anderen Genres Neues gewagt und viele Arten von Filmen gemacht. Ich hole eine ganze Menge aus Schauspielern raus. Entscheidend ist, dass mich das Projekt interessiert.

Mit Richard Linklater sprach Nina Jerzy.

„Boyhood“ startet am 5. Juni 2014 in den deutschen Kinos.

Das Interview bei n-tv.de

(Bilder: Flickr/Universo Produção/CC; Universal Pictures)

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