„Ja, das ist mein Weg“: Nonne räumt mit Kloster-Klischees auf

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Singende Nonnen, Ausspannen im Kloster, Wanderurlaub auf dem Jakobsweg – die moderne, säkulare Gesellschaft scheint immer mehr die Scheu vor zutiefst katholischen Institutionen und Bräuchen abzulegen. Fundamentale Auseinandersetzungen mit dem Glauben sind damit aber nicht automatisch verbunden. Die Kinodokumentation „Silentium“ von Sobo Swobodnik führt hinter die Mauern des Benediktinerinnenklosters Habsthal am Rande der Schwäbischen Alb.

Einst lebten und arbeiteten dort an die 60 Menschen. Heute sind nur noch drei Schwestern und ein Pater im Alter von 51 bis 93 Jahren übrig. Eine vierte Nonne starb nach den Dreharbeiten. Priorin Kornelia Kreidler sprach mit n-tv.de über Zukunftssorgen, anhaltende Vorurteile und was Klöster Menschen heute zu bieten haben.

n-tv.de: Wie war Ihr erster Eindruck von dem Film?

Schwester Kornelia Kreidler: Er war mir etwas zu düster. Ich erlebe das Leben hier viel bunter, lebendiger und quirliger. Ich habe auch oft Stress oder Hektik. So still ist das Leben für mich dann doch nicht. Es ist einfach ein Ausschnitt aus unserem Leben.

Sie sind mindestens rund 30 Jahre jünger als die übrigen Klosterbewohner. Wie wird da für die Zukunft geplant?

Wir sehen einfach der Realität ins Auge. Solange wir unseren Alltag schaffen, bleiben wir auch hier. Ich persönlich halte nichts davon, große Pläne zu erarbeiten und dann an der Gegenwart vorbei zu leben. Ich habe in meinem Leben oft die Erfahrung gemacht, dass mir ein Strich durch die Rechnung gemacht wurde, wenn ich dachte, ich müsste jetzt irgendwas planen.

Würden Sie manchmal doch lieber in einer großen Klostergemeinschaft leben?

Es hat alles seine Vor- und Nachteile. In einer kleinen Gemeinschaft ist es natürlich familiärer, man kennt sich besser, ist aber auch stärker gefordert. Mit einer großen Gemeinschaft kann man besser Tradition leben und Rituale begehen. Wir können keine große Prozession machen, das sieht mit drei Schwestern natürlich komisch aus. Aber andererseits sind wir auch wieder flexibler.

Sie haben als Priorin den stärksten Kontakt zur Außenwelt. Genießen Sie das oder ist es eher eine unwillkommene Ablenkung?

Die Betreuung der Gäste im Kloster mache ich sehr gerne. Es liegt mir, Menschen zu begleiten. Schwieriger sind für mich Besorgungen und Behördengänge draußen. Unser Ziel ist es ja, mit Gott vereint zu sein. Da reißen mich solche Sachen raus. Ich brauche dann wieder viel mehr Zeit, um wieder in dieses eins werden mit Gott hineinzukommen.

Sie bieten also nicht nur reinen Erholungsurlaub oder Betten für Pilger an?

Urlaubsgäste nehme ich nicht. Die können ein Hotel buchen. Wenn sie in ein Kloster gehen, dann erwarte ich, dass Sie sich auch am spirituellen Leben beteiligen und sich dafür interessieren. Zu uns kommen heute vor allem Menschen, die Hilfe suchen, die ihr geistliches Leben erneuern wollen, die in einer Krise sind. Viele Menschen sehen das Pilgern als sportliche Sache oder weil es modern ist. Ich vermute, die Menschen sind trotzdem alle auf der Suche. Sie wissen nur nicht, wonach.

Wann und warum haben Sie sich für das Klosterleben entschieden?

Ich bin 1993 eingetreten. Ich bin in meiner Studienzeit in Würzburg sehr vielen Ordensleuten begegnet und wurde ständig mit diesem Thema konfrontiert. Irgendwann habe ich gemerkt: Mich führt, drängt oder zieht es auch in diese Richtung. Nicht von mir her, sondern eigentlich von außen, letztlich war es wohl einfach Gott. Es war mir als Christin ein Anliegen, dass ich Gottes Willen erfülle. Es ging aber langsam Schritt für Schritt über Jahre hinweg. Ich habe mich auch eher dagegen gewehrt. Eigentlich konnte ich erst so um 2000 herum sagen: Ja, das ist mein Weg, das möchte ich leben.

silentium2Was sollte der Zuschauer bestenfalls von der Dokumentation mitnehmen?

Ich würde mir wünschen, dass er den Menschen vermittelt, dass das klösterliche Leben ein positiver und wertvoller Lebensentwurf ist. Das klösterliche Leben wird eben doch immer noch sehr negativ gesehen, vor allem unter Katholiken.

Tatsächlich?

Konfessionslose oder evangelische Menschen sind viel offener und viel interessierter an diesem Leben. Unsere Gäste sind weitgehend evangelisch. Es werden immer noch gewisse Vorurteile und Klischees damit verbunden. Ich selber bin auch gefragt worden, ob ich ins Kloster gehe, weil ich keinen Mann gekriegt habe.

Wie erklären Sie sich die Abwehr unter Katholiken?

Vielleicht liegt es daran, weil es bis vor einigen Jahren in der katholischen Kirche eine Fülle von Ordensleuten gab. Das Fremde ist immer interessanter. Die Evangelischen kannten bis vor wenigen Jahren keine Klöster. Nun merken sie, dass ihnen etwas fehlt, denn das monastische Leben ist ein wichtiger Aspekt in der Kirche. Sie spüren, dass sie solche Orte wie Klöster einfach brauchen.

Mit welchen Klischees sehen Sie sich noch konfrontiert?

Dass wir nur beten oder dass wir so weltfremd sind. Dass die im Kloster irgendwie rückständig sind. Das verstehe ich überhaupt nicht. Die Klöster waren schon immer die Avantgarde. Was wäre Europa ohne die Klöster? Erfindungen, Bildung, Kunst wurden in den Klöstern vorangetrieben.

Haben Klöster immer noch eine Vorreiterrolle inne oder verwalten sie mittlerweile vor allem dieses Erbe?

Ordensleute spüren eher, was an der Zeit wäre. Dieses prophetische Moment des Ordenslebens wird aber nicht so in der Welt gehört.

Was genau meinen Sie mit „prophetischem Moment“?

Gegenwärtig heißt das konkret, dass wir wieder auf gewisse Werte zurückkommen sollten: Einfachheit, Bescheidenheit, von diesem Konsumdenken weg. Da hätten wir im Moment in den Klöstern einiges zu bieten.

Mit Schwester Kornelia Kreidler sprach Nina Jerzy.

„Silentium“ kommt am 14. Mai in die deutschen Kinos.

Quelle: n-tv.de

(Bilder: Mindjazz Pictures)

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